Autor Thema: Müssen wir in Stereotypen denken?  (Gelesen 584 mal)

Offline Zareen

  • Junior
  • **
  • Beiträge: 124
  • Geschlecht: Männlich
Antw:Müssen wir in Stereotypen denken?
« Antwort #15 am: 15.01.2022 09:41 »
Ja JoHa,

das sehe ich genauso. Wir werden wahrscheinlich beliebig viele stereotype Urteile zu politischen Themen finden. Und leider nicht nur zu politischen Themen.

Das noch größere Problem ist, dass noch mehr Fakten uns nicht helfen werden, weil wir ja konsequent alle eingehenden Infos ganz unbewusst selektiv verarbeiten. Fakten, die unsere Linie bestätigen  verstärken unsere Haltung und bei Fakten gegen unsere Haltungen lösen Abwehrmechanismen aus.

Natürlich ist es so, daß die Vielschichtigkeit aufgrund der individuellen Erlebnisse der Menschen sehr groß ist.

Und natürlich helfen noch mehr Fakten nicht weiter, weil auch diese meist stereotyp verarbeitet werden.

Meiner Ansicht nach hilft nur, wenn jeder einzelne sein eigenes stereotypes Verhalten in Frage stellt und es immer wieder erneut anhand von eigenen Erfahrungen abgleicht und korrigiert.

Beispiel:
Ich bin tatsächlich noch damit erzogen worden, daß tätowierte Menschen entweder Seeleute, oder Knackis sind - also für einen "anständigen" Sonntags-in-die-Kirche-Gänger eher suspekte Menschen. Wer sich also von den Sonntags-in-die-Kirche-Gängern tätowieren lässt, macht sich diesen Menschen gleich, auch wenn die Gründe ganz anders sind. Außerdem sind das die 'Bösen', weil die 'Guten' ja Sonntags in die Kirche gehen.
Zum Glück lernte ich in meinem Leben viele stark tätowierte Menschen kennen und habe sie als durchaus wertvolle Menschen lieben gelernt. Das aber nur, weil ich mich von dem gelöst habe, was ich anerzogen bekam und es infrage gestellt habe.
Oder:
Wer einen Vollbart trägt, ist ein Revoluzzer, der hat nichts in den Reihen einer anständigen Christengemeinde zu suchen.
Oder:
Alles, was nicht eindeutig Mann / Frau ist, ist widernatürlich und daher abzulehnen. Und selbst da gibt es noch Grenzen.
Dazu passt die Szene im Film 'Harold und Maude' wo ein Pastor unter mühevollem Unterdrücken seines Ekels Harold, ein 18 Jähriger, davon abbringen soll,, Maude, einer 80 jährige, zu heiraten.

Das alles zu hinterfragen und eigene Erfahrungen zu machen, kostet Zeit. Und die will man uns rauben. Man will uns mit immer schnelleren Informationstechnologien mit Fakten überschütten, die darin enden, daß wir Fakts von Fakes nicht mehr unterscheiden und diese dann unser Denken bestimmen.
Denken, Erfahrungen sammeln, braucht Zeit, ebenso, wie das Wachsen einer Pflanze. Und je länger das Wachstum benötigt, umso stabiler ist das Ergebnis.

Ich frage mich manchmal, ob das überhaupt noch gewünscht ist, oder ob die Masse Mensch nur noch ein beherrschbarer Haufen Arbeitswilliger sein soll, der am Ende des Lebens nur noch entsorgt werden muss? Bedrückend wird das in dem Film 'Soylent Green - 2020, die überleben wollen' gezeigt.
Deswegen ist es äußerst wichtig, sich mit den eigenen stereotypen Denkmustern auseinander zu setzen.
Und das geht nicht mit einem "Du musst...", sondrrn nur mit "ich will..."
Mann-sein hängt nicht vom Tragen einer Hose ab.
Warum dann nicht Rock tragen? Nur Mut....

Offline Olivier

  • Junior
  • **
  • Beiträge: 161
  • Geschlecht: Männlich
  • Pronomen: Unwichtig
Antw:Müssen wir in Stereotypen denken?
« Antwort #16 am: 15.01.2022 10:27 »
Deswegen ist es äußerst wichtig, sich mit den eigenen stereotypen Denkmustern auseinander zu setzen.
Und das geht nicht mit einem "Du musst...", sondrrn nur mit "ich will..."

100%-ige Zustimmung. Blöderweise ist das Ganze unbequem und führt auch zu erstmal unangenehmen Erkenntnissen. Das "ich will …" verursacht dann auch noch Arbeit.
Daher gibt es jede Menge Menschen denen das alles zu viel ist und die lieber ihre Vorurteile hegen und pflegen.

LG, Olivier
"The presence of those seeking the truth is infinitely to be preferred to the presence of those who think they’ve found it." - Terry Pratchett

Offline Zareen

  • Junior
  • **
  • Beiträge: 124
  • Geschlecht: Männlich
Antw:Müssen wir in Stereotypen denken?
« Antwort #17 am: 15.01.2022 18:04 »
Deswegen ist es äußerst wichtig, sich mit den eigenen stereotypen Denkmustern auseinander zu setzen.
Und das geht nicht mit einem "Du musst...", sondrrn nur mit "ich will..."

100%-ige Zustimmung. Blöderweise ist das Ganze unbequem und führt auch zu erstmal unangenehmen Erkenntnissen. Das "ich will …" verursacht dann auch noch Arbeit.
Daher gibt es jede Menge Menschen denen das alles zu viel ist und die lieber ihre Vorurteile hegen und pflegen.

LG, Olivier
Lieber Oliver,

Auch Dir 100% Zustimmung. Nach meinem ersten Diversity Workschop war mir auch ganz "schwindelig" zumute.
Das ist so. Viel zu lange haben wir denken lassen:
Von den Eltern
Von den Lehrern
Von den Politikern
Von den Lobbyisten
Von den religiösen Führern

Es ist dringend erforderlich, - so, wie es Neale Donald Walsch in einem seiner Bücher sagt - die Grundannahmen zu hinterfragen.
Doch leider ist das etwas, womit ich mich bei mir selbst, und auch bei anderen nicht sonderlich beliebt mache.

Stelle Dir vor, ich besuche Dich zu Hause und sage Dir, Du mögest bitte 10 Schubladen aus Deinem Schrank ziehen und den Inhalt einfach fallen lassen. Und dann verabschiede ich mich wieder und lasse Dich mit dem einräumen alleine. Was meinst Du, wieviel Überflüssiges Du beim Einräumen findest, was nicht wieder in die Schubladen kommt und wieviel Du anders einsortieren wirst!
(Film: Peaceful Warrior (mit Nick Nolte))
Mann-sein hängt nicht vom Tragen einer Hose ab.
Warum dann nicht Rock tragen? Nur Mut....

Offline doppelrock

  • Hero
  • ****
  • Beiträge: 826
  • Geschlecht: Männlich
Antw:Müssen wir in Stereotypen denken?
« Antwort #18 am: 16.01.2022 17:55 »
Hallo Zareen,
deinem Standpunkt stimme ich zu.
Neben den genannten Gruppen, denen man das Denken überlässt, sehe ich auch noch die Medien. Denn die haben in der letzten Zeit sehr deutlich bewiesen, wie sie uns steuern. Das Medium A wird per so als gut dargestellt und manche glauben das vorbehaltfrei. Dieses Medium A behauptet dann, Medium B sei schlecht, weil es anderes spricht als A. Und sofort zeigen die Leute mit dem Finger auf B und behaupten B würde lügen, ohne B zu kennen oder sich mit den Inhalten zu beschäftigen. Das fällt ja auch hier im Forum sehr deutlich auf. Wenn B eine staatliche Datenbasis verwendet oder eine saatliche Auswertung zitiert, ist es trotzdem gelogen, wenn  B es zitiert und nicht A. Ja, so einfach ist die Welt manchmal.

Dein Beispiel mit den Schubladen ist anschaulich. Die Leute, die das Aufräumen zum Aussortieren nutzen, können sich glücklich schätzen. Hier wird gelegentlich mit den Schubladen nach der Person geworfen oder weils gerade passt, einfach der nasse Hund mit in die Schublade gesteckt. Oder es bleibt alles liegen und der Schuldige benannt.

Gruß
doppelrock


Offline Zareen

  • Junior
  • **
  • Beiträge: 124
  • Geschlecht: Männlich
Antw:Müssen wir in Stereotypen denken?
« Antwort #19 am: Heute um 14:24 »
Ja JoHa,

... Fakten, die unsere Linie bestätigen  verstärken unsere Haltung und bei Fakten gegen unsere Haltungen lösen Abwehrmechanismen aus.

Ja, genau! Das ist eben die Stategie des Gehirns, mit möglichst wenig Energie viel Information zu verarbeiten.
Und da hilft nur, sich den Fakten die gegen unsere Haltung sprechen, zu stellen und selbstkritisch zu hinterfragen und immer wieder WARUM? zu fragen.
Warum sind diese Fakten mit meiner Haltung im Widerspruch?
Warum löst ein Faktum einen Abwehrmechanismus aus?

Erst wenn ich für mich erkenne, daß meine Haltung unhaltbar ist, kann ich sie aus Überzeugung ändern.
Eine Haltung nur zu übernehmen, bringt niemanden weiter.

Ich habe folgendes von Buddha gelesen, das dieses untermauert:
https://www.tibet.de/zeitschrift/themen/buddhismus/news/grundzuege-buddhistischer-philosophie-teil-2/?tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=d48fc42f89a514da1d0a357e7186cc93
Zitat
Deshalb hat der Buddha auch in einem Sutra gelehrt: »Meine Lehre sollte von den Gelehrten und Mönchen nicht aus Respekt vor mir akzeptiert werden, sondern deshalb, weil sie sie gut untersucht haben, ähnlich wie ein Goldschmied das Gold untersucht, indem er es schneidet, feilt und anbrennt, und es erst dann als reines Gold akzeptiert.«
Mann-sein hängt nicht vom Tragen einer Hose ab.
Warum dann nicht Rock tragen? Nur Mut....

Offline Holger Haehle

  • Routinier
  • *****
  • Beiträge: 2.038
  • Geschlecht: Männlich
Antw:Müssen wir in Stereotypen denken?
« Antwort #20 am: Heute um 16:41 »
Richtig Zareen, das Gehirn arbeitet lieber ökonomisch, weil der Einsatz der Ratio den ATP-Umsatz, das ist der verwendete Energieträger, um etwa ein Viertel steigert.

Daneben ist es in einer Welt, die immer komplexer wird, unmöglich geworden alles zu wissen. Früher gab es mal Universalgenies. Heute weiss selbst ein Arzt nach langem Studium nur in seinem Fachgebiet Bescheid. So braucht ein Diabetologe den Augenarzt, wenn der Diabetiker eine Retinopathie entwickelt und einen Nephrologen bei diabetischen Nierenversagen.

Wir müssen darauf vertrauen, wenn wir ein Auto kaufen, dass das wohl funktioniert. Wir können deswegen ja nicht alle eine Ausbildung zum Mechaniker machen.

Damit unser Vertrauen aber nicht missbraucht wird, sind vertrauensbildende Maßnahmen hilfreich. Von bloßen Behauptungen sollten wir uns nicht über den Tisch ziehen lassen.
Nachprüfbare Belege sind hilfreich. Fakten ebenso, wenn sie nicht nach persönlicher Interpretation als Halbwahrheiten aufbereitet wurden.
Bei Medien, die ein Thema nur aus einem Blickwinkel betrachten, sollten wir uns fragen, warum andere Aspekte unterschlagen werden.

Skepsis ist gegenüber allem angebracht, was wir nicht durch unterschiedliche Quellen bestätigt finden.

 

SMF 2.0.17 | SMF © 2020, Simple Machines
SMFAds for Free Forums


go up