Autor Thema: ANNO 1845  (Gelesen 221 mal)

Offline Zareen

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ANNO 1845
« am: 16.10.2021 21:18 »
Vielleicht hat der eine oder andere schon von Henry D. Thoreau und seinem Buch 'Walden' gehört. Es ist ein sehr gesellschaftskritisches und ökologisches, empfehlenswertes Buch.

Seinen Dialog mit der Schneiderin finde ich so sehr treffend.

In einer anderen Übersetzung steht das in etwa so:
Ich sage dem Schneider, wie ich das Kleidungsstück gerne hätte und der sagt: "Das trägt  m a n  heute nicht mehr so". Ich sage ihm "M a n  trägt es vielleicht heute nicht mehr so, aber  i c h  trage es gerne so."

ZITAT Anfang:
Wenn ich nach einem Kleidungsstück einer bestimmten Form frage, sagt mir meine Schneiderin ernsthaft: "Sie machen sie jetzt nicht so", ohne das "sie" zu betonen, als ob sie eine Autorität zitierte, die so unpersönlich ist wie die Schicksale, und ich finde es schwierig, das zu bekommen, was ich will, einfach weil sie nicht glauben kann, dass ich meine, was ich sage, dass ich so unbesonnen bin. Wenn ich diesen orakelhaften Satz höre, bin ich einen Augenblick lang in Gedanken versunken und betone jedes Wort für sich, um den Sinn zu ergründen, um herauszufinden, mit welchem Grad der Blutsverwandtschaft sie mit mir verwandt sind und welche Autorität sie in einer Angelegenheit haben, die mich so sehr betrifft; und schließlich bin ich geneigt, ihr mit dem gleichen Geheimnis und ohne weitere Betonung des "sie" zu antworten: "Es ist wahr, sie haben sie vor kurzem nicht so gemacht, aber jetzt schon." Was nützt dieses Messen an mir, wenn sie nicht meinen Charakter misst, sondern nur die Breite meiner Schultern, wie einen Pflock, an dem man den Mantel aufhängt? Wir verehren nicht die Grazien, noch die Parzen, sondern die Mode. Sie spinnt und webt und schneidet mit voller Autorität. Der Oberaffe in Paris setzt sich eine Reisemütze auf, und alle Affen in Amerika tun dasselbe. Manchmal verzweifle ich daran, dass in dieser Welt irgendetwas ganz Einfaches und Ehrliches mit Hilfe von Menschen gemacht werden kann. Man müßte sie erst durch eine mächtige Presse schicken, um ihnen ihre alten Vorstellungen auszupressen, so daß sie nicht so bald wieder auf die Beine kämen; und dann wäre einer in der Gesellschaft, der eine Made im Kopf hätte, die aus einem Ei geschlüpft ist, das niemand weiß, wann es dort abgelegt wurde, denn nicht einmal das Feuer tötet diese Dinger, und man hätte seine Arbeit verloren. Wir werden jedoch nicht vergessen, dass uns eine Mumie ägyptischen Weizen überliefert hat. Im Großen und Ganzen denke ich, dass man nicht behaupten kann, dass die Kleidung in diesem oder irgendeinem anderen Land die Würde einer Kunst erlangt hat. Gegenwärtig ziehen sich die Menschen an, was sie kriegen können. Wie schiffbrüchige Matrosen ziehen sie an, was sie am Strand finden können...
ZITAT Ende.
Mann-sein hängt nicht vom Tragen einer Hose ab.
Warum dann nicht Rock tragen? Nur Mut....

Offline Albis

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Antw:ANNO 1845
« Antwort #1 am: 17.10.2021 22:00 »
Hallo Zareen, passen dazu sage ich mir immer: Die einen gehen mit der Mode, die anderen haben Geschmack. Was nicht heißen soll, dass Mode immer geschmacklos wäre. Es zeigt eben damals wie heute, dass viele Menschen Orientierung von außen brauchen und sich nicht trauen, selbst zu denken bzw. sich selbst zu überlegen, was ihnen gefällt.

 

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