Autor Thema: Theorie der Dummheit  (Gelesen 4068 mal)

Offline Olivier

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Theorie der Dummheit
« am: 27.01.2022 15:50 »
Diesen Beitrag "Dietrich Bonhoeffers Theorie der Dummheit" https://www.youtube.com/watch?v=wnhL1W9dj1w
hatte ich vor einiger Zeit schon mal gesehen und bin heute nochmal darüber gestolpert.

Damals wie heute hat der mich sehr nachdenklich gemacht. Gerade wenn man sich aktuelle Entwicklungen, auch im Forum aber nicht nur hier, ansieht, findet man viele Parallelen. Allerdings merkwürdigerweise gerade bei Menschen die von sich behaupten unabhängig zu denken und Autoritäten wie z.B. Wissenschaftler ablehnen.

Nachdenkliche Grüße,
Olivier
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chris-s

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Antw:Theorie der Dummheit
« Antwort #1 am: 27.01.2022 16:45 »
👍
sehr schöne Erklärung.
Der https://de.wikipedia.org/wiki/Dunning-Kruger-Effekt stellt das Problem aus einer etwas anderen Sicht dar - beschreibt aber im Prinzip eine ähnliche Verhaltensweise.

Offline doppelrock

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Antw:Theorie der Dummheit
« Antwort #2 am: 27.01.2022 18:35 »
Was Bonhoeffer als Dummheit bezeichnet, würde ich noch ausführlicher als Narzissmus, Oberflächlichkeit, Materialismus, Obrigkeitshörigkeit bis zum Kadavergehorsam, fehlende Empathie und Selbstreflexion, fehlende Moralkompetenz und als Selbstsüchtigkeit bezeichnen, aber auch als eine ungesunde Mischung aus Faulheit und Feigheit. Was bedeutet, das Denken an Politiker und Führungen abzugeben, um selbst keine Verantwortung für eigenes Handeln übernehmen zu müssen.

Die Selbstzentriertheit ist mit einem Kleinkind vergleichbar, das zur Erfüllung seiner kurzfristigen Bedürfnisse Aussagen macht wie "Wenn du mir kein Eis gibst, bist du nicht mehr meine Mama". Da sind einige "Erwachsene" stehen geblieben.

In der heutigen Zeit kommt auf jeden Fall noch die Angst dazu, um diese Menschen gefügig zu machen.

Leute mit konträren Ansichten, egal wie gut begründet, werden sofort als Feindbild deklariert und verachtet, mit diversen Schimpfworten belegt.

Interessant, dass die Leute, die nach Bonhoeffers Beschreibung handeln, alle diese Fähigkeiten nur bei anderen sehen, aber auf keinen Fall bei sich und ihresgleichen. Ich kann die meisten genannten Eigenschaften verstehen und erkennen, würde mich aber nie selbst davon freisprechen. Jeder Mensch wird mehr oder weniger damit zu kämpfen haben, um dieses thema für sich selbst in den Griff zu bekommen.

Offline Lars

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Antw:Theorie der Dummheit
« Antwort #3 am: 27.01.2022 21:38 »
... und Autoritäten wie z.B. Wissenschaftler ablehnen.

Was macht einen Wissenschaftler zu einer "Autorität"? Wie definierst du letztere?
 
Viele Grüße,
Lars
Wissenschaft ist der letzte Stand des Irrtums


Offline MAS

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Antw:Theorie der Dummheit
« Antwort #4 am: 27.01.2022 22:19 »
Diesen Beitrag "Dietrich Bonhoeffers Theorie der Dummheit" https://www.youtube.com/watch?v=wnhL1W9dj1w
hatte ich vor einiger Zeit schon mal gesehen und bin heute nochmal darüber gestolpert.

Damals wie heute hat der mich sehr nachdenklich gemacht. Gerade wenn man sich aktuelle Entwicklungen, auch im Forum aber nicht nur hier, ansieht, findet man viele Parallelen. Allerdings merkwürdigerweise gerade bei Menschen die von sich behaupten unabhängig zu denken und Autoritäten wie z.B. Wissenschaftler ablehnen.

Nachdenkliche Grüße,
Olivier


Habe das Video noch nicht gesehen.

Ich habe neulich davon gehört, dass Bonhoeffer auch von den Querulanten rezipiert wird, weil sie meinen, ähnlich wie er, im Widerstand gegen eine Diktatur zu sein.

Immerhin ist er eine Autorität, sei er als solche richtig oder falsch verstanden.

LG, Micha
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Offline MAS

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Antw:Theorie der Dummheit
« Antwort #5 am: 28.01.2022 00:12 »
Habe mir das Video angesehen. Das Wort "Dummheit" wird hier ganz anders verwendet, als ich es kenne. Ich kenne es gemäß dem, was Petra mal sagte: "Für Dummheit kann man nichts, die kann man niemandem vorwerfen." Das ist dann ein Verständnis des Wortes im Sinne mangelnder Intelligenz. Bonhoeffer bzw. dieser Beitrag sagt aber, es sei ein moralischer und ein sozialer Begriff.

Nun ist doch normalerweise "Bosheit" ein moralischer Begriff. Aber Dummheit habe mit Bosheit nichts zu tun, sagt dieser Film.

Wenn ich sage, Goebbels sei nicht dumm gewesen, würde Bonhoeffer wohl widersprechen. Das liegt daran, dass wir unter diesem Wort Verschiedenes verstehen.

Aber mich erinnert diese Sichtweise  an die, die ich aus dem Buddhismus kenne. Nach dieser entspringt das Böse im Menschen aus mangelnder Weisheit und mangelndem Mitgefühl. Weisheit hat aber was mit Wissen und der Kunst, das Wissen richtig zu verstehen, zu tun. Und Mitgefühl hat etwas damit zu  tun, sich in einen andern Menschen oder ein anderes Wesen hineinversetzen zu können.
Weisheit und Mitgefühl kommen nicht zu stande, wenn wir von Gier, Hass und Verblendung bestimmt sind. Also von dem Trieb, etwas Angenehmes haben oder sein zu wollen, was wir nicht haben oder nicht sind, etwas  Unangehemnes, das wir haben oder sind, loswerden zu wollen, und aus der Unkenntnis über diese Zusammenhänge. Und aus dem allem entsteht Leiden. Wir leiden und lassen andere leiden.

So weit scheint mir as von Bonhoeffers Ansatz nicht weg zu sein, auch wenn mit anderen Wörtern erklärt.

LG, Micha
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Offline MAS

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Antw:Theorie der Dummheit
« Antwort #6 am: 28.01.2022 00:25 »
... und Autoritäten wie z.B. Wissenschaftler ablehnen.

Was macht einen Wissenschaftler zu einer "Autorität"? Wie definierst du letztere?
 
Viele Grüße,
Lars

Ohne Olivier vorgreifen zu wollen. Er möge für sich antworten.

Ich finde die Frage spannend. Ich frage mich, wann ein Wissenschaftler (ich verwende hier Dir zuliebe, Lars, mal das generische Maskulinum)  eine Autorität?
Da kommt mir verschiedenes in den Sinn:
a) Wenn er mehr weiß als ich.
b) Wenn sein Denken klarer und logischer ist als meines.
c) Wenn er wissenschaftliche Methoden korrekt anwendet und so zu einem veritablen Forschungsergebnis kommt, das man, sofern man diese Methoden beherrscht und ein paar andere Voraussetzungen hat, wie z.B. die dazu nötige Zeit, prüfen kann.
d) Wenn er sein Wissen sachlich und ohne damit zu prahlen vermittteln kann.
e) Wenn er die Grenzen seiner oder überhaupt der Wissenschaft kennt und nicht überschreitet bzw. wenn er sie überschreitet weiß und sagt, dass er es tut.
f) Wenn er auch zugibt, wenn er etwas nicht weiß.

Es könnten noch Punkte dazukommen, aber diese Punkte fallen mir recht spontan ein.

Wohlgemerkt: Wissenschaft ist nicht allwissend oder unfehlbar. Und so ist es auch ein Wissenschaftler nicht. Jeder einzelne Wissenschaftler sieht nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit, diesen aber klarer und deutlicher als ein Nichtwissenschaftler, und er sieht auch deutlicher, wo sein Wissen(können) aufhört.

Ah, es kommt noch ein Punkt:
g) Wenn er Fachleute anderer Fächer und auch des eigenen Faches respektiert, auch wenn deren Perspektiven, Thesen und Theorien seinen nicht entsprechen.
h) Wenn er immer bereit ist, dazu- oder auch umzulernen, zumindest, wenn er auf andere, nicht minder wissenschaftlich erforschte oder zumindest plausibel durchdachte Ansichten stößt.

Das klingt jetzt natürlich alles sehr idealistisch. Aber es soll Wissenschaftler geben, auf die zumindest einige dieser Punkte zutreffen.


Olivier, und was meinst Du?

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Offline Olivier

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Antw:Theorie der Dummheit
« Antwort #7 am: 28.01.2022 09:16 »
Was macht einen Wissenschaftler zu einer "Autorität"? Wie definierst du letztere?

OK. Um genau zu sein hätte ich noch "in seinem Fachgebiet" ergänzen müssen. Universalgelehrte gibt es schon lange nicht mehr aber bei jemandem der sich seit vielen Jahren mit einem bestimmten Fachgebiet beschäftigt, darf davon ausgegangen werden, dass dieser hier besser informiert ist als die allermeisten Menschen.

Um die von Micha aufgelisteten Punkte nicht zu wiederholen:
a), b), c) und g) sind für mich Grundvorraussetzungen um berechtigterweise als Wisenschafter eingestuft zu werden.
Zur Autorität wird der Wissnschaftler für mich wenn er weitgehend die Bedingungen e), f) und h) erfüllen kann.
Dies setzt eine gehörige Portion Bescheidenheit voraus und Punkt d) wird meiner Erfahrung nach dann automatisch mit erfüllt.

LG, Oivier
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Offline MAS

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Antw:Theorie der Dummheit
« Antwort #8 am: 28.01.2022 10:24 »
Ja, lieber Olivier,

an Bescheidenheit dachte ich auch noch. Das imponiert mir, wenn jemand mir selbst haushoch überlegen ist, aber angesichts dessen, was es auch für ihn noch alles gibt an Nichwissen, sehr bescheiden oder demütig ist.

Andererseits ist es manchmal auch notwendig, wenn ein Wissenschaftler laut und bestimmend wird, sobald er merkt, dass es dringend erforderlich wäre, sein Wissen und das seiner Kolleg*innen zu berücksichtigen, um zu richtigen Entscheidungen zu kommen. Das sollte dann nichts mit Geltungssucht zu tun haben, sondern alleine mit sachlicher Not-wendigkeit. (Ich mag es, das Wort man mit Bindestrich zu schreiben, denn so merkt man, dass es von "eine Not wenden" kommt.)

LG, Micha
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Offline JoHa

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Antw:Theorie der Dummheit
« Antwort #9 am: 28.01.2022 16:20 »
Einen geharnischten Artikel zum Thema produzierte Dummheit hat Sascha Lobo publiziert. Er nennt es "Denkpest". Anschauen lohnt sich!
Nicht Johannes. Joachim!

Offline Olivier

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Offline doppelrock

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« Antwort #11 am: 28.01.2022 17:26 »
Bei Lobo befällt die Dummheit vor allem den Schreiber selbst. Außer Behauptungen und Beleidigungen hat er wenig zu bieten. Genau das Gegenteil von Bonhoeffer und vielen anderen, die sich mit Inhalten auseinandersetzen.

Offline MAS

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« Antwort #12 am: 28.01.2022 19:13 »
Ja, unser Edelpunk hat schon Krips unter seinem Irokesenschnitt. Was mir noch nicht ganz einleuchtet: Wenn man nichts mehr zu glauben bereit ist, wieso glaubt man dann den Fake-News von irgendwem oder von Putin? Ich erkläre es mir so, dass man vor allem offiziellen Autoritäten misstraut und einem jede alternative Info recht ist. Demzufolge misstrauen die Querdenker in Russland, in der VR China oder in der Türkei ihrer Regierung und glauben eber dem "bösen Westen". Nur anders als hier kommen die dafür dann schnell ins Gefängnis.

Ein gesunder kritischer Geist unterscheidet zwischen konstruktiver Kritik und grundsätzlichem Misstrauen. Also meiner Meinung nach.

LG, Micha
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Offline JoHa

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« Antwort #13 am: 28.01.2022 19:43 »
Wobei ich das grundsätzliche Mißtrauen als Ausdruck großer Angst vor nicht leichtverständlichen Zusammenhängen verstehe. Und Angst erzeugt unter Umständen Wut. Womit sich der Kreis des Extremismus schließt.
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« Antwort #14 am: 28.01.2022 22:27 »
Ja, da ist bestimmt was dran, lieber Joachim!

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