Autor Thema: Ein Plädoyer für Röcke als Zeichen von Freiheit und Gleichheit in der Mode  (Gelesen 849 mal)

Offline Modernfashion

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Hallo Holger, Mathias und alle die hier gepostet haben, finde das sehr interessant.

@Holger: Manipulatives Marketing, das hört sich meines Erachtens schlimmer an als es ist. Zumindest ist jedes Marketing dahingehend manipulativ, als dass der potentielle Käufer zu einem Verhalten bewegt werden soll (nämlich zum Kauf), das er sonst nicht an den Tag legen würde. Nicht manipulativ wäre es nur dann, wenn ausschließlich auf Sachargumente abgestellt sowie pro und kontra ausführlich dargestellt werden. Dann könnte der (potentielle) Käufer eine sachorientierte, rein auf verbale Kommunikation abgestellte Entscheidung treffen. So funktioniert Marketing aber nicht. Viel wichtiger aus psychologischer Sicht sind doch Emotionen und Gefühle, also die nonverbale Kommunikationsebene, die das Unterbewusstsein bedient. Das findet z.B. statt, wenn die neue Zahnpasta oder Anti-Schuppen-Shampoo von einem Mensch im weißen Kittel präsentiert wird, ein neues Medikament vorgestellt wird und die Entwicklerin dabei rein zufällig einen Blick durch das Mikroskop wirft, usw. usw. Hier werden also Bilder genutzt, um in das Unterbewusstsein der Käufer zu kommen, ohne dass die Betreffenden das letztlich bemerken und es überhaupt ausblenden können. Die Macht der Bilder also. Man mag das für verwerflich halten, aber das ist gesellschaftlich akzeptiert - andernfalls wäre es wie vieles andere verboten.
Und ja, auch die Politik nutzt dies und bedient sich fleißig dieses Mechanismus, vor allem in Wahlkämpfen. Parteiprogramme lesen nur ganz wenige, langatmige Reden, in denen z.B. von Bürgernähe und Generationengerechtigkeit die Rede ist, verfangen auch nur bei wenigen Zuhörern. Wenn aber ein Politiker das oft bemühte "Bad in der Menge" nimmt (und damit Bürgernähe zeigt) und dann dabei noch eine Mutter und ihr kleines Kind sichtbar für die Kameras liebkost (Verantwortung für Familie und künftige Generationen), werden Emotionen bei den Zusehern unterbewusst geweckt. Und es ist auch nicht zufällig, das ein US-Präsidentschaftskandidat (und späterer US-Präsident) eine wichtige Rede im Wahlkampf vor der Siegessäule in Berlin gehalten hat. Das ist die Macht der Bilder, darauf kommt es letztlich an.
Ich finde es daher nicht illegitim, wenn unser Anliegen, den Mann im Rock als etwas Normales in den Köpfen zu verankern, mit solchen Mitteln verfolgt wird und dabei Bilder und Beispiele genutzt werden.

Was die Erfolgsaussichten unseres Anliegens angeht: Ich denke, dass die Chancen nie größer waren als jetzt. Vorbehalte gegen den Rock am Mann abzubauen, sehe ich ebenfalls als Teil einer größeren gesellschaftlichen Strömung, die Geschlechterbarrieren einreißt und dabei allem Anschein nach recht erfolgreich ist. Das macht hoffentlich den Unterschied zu den bislang gescheiterten Versuchen, den Rock am Mann zu etablieren (Marc Jacobs, Gaultier, u.a.). Damals war die Zeit und die gesellschaftlichen Umstände offenbar noch nicht reif dafür.

Interessant ist auch die von Dir beschriebene konservative Haltung des Handels. Trifft das nach Deinen Beobachtungen auf den Handel speziell in Deutschland, Europa oder weltweit zu?
Ich kenne mich da nicht aus, habe allerdings in Wirtschaftsnachrichten regelmäßig verfolgt, dass viele stationäre Handelsunternehmen (nicht speziell in der Bekleidungsindustrie, aber auch) den Trend zum Onlinehandel nicht rechtzeitig erkannt haben und hinterherhinken. Das hat etliche, auch große Player in Schwierigkeiten gebracht (z.B. Karstadt, Nordstrom in den USA). Ich denke, dass die ihre Sensoren ständig aktiviert haben, z.B. auch was Häufigkeit an Recherchen in Suchmaschinen nach einschlägigen Suchbegriffen zu Röcken für Männer usw. angeht und viele weitere Daten sammeln (u.a. in sozialen Netzwerken), um möglichst effektiv Trends zu erkennen.
Aber hier setze ich gefühlsmäßig auch eher darauf, dass solche Trends zuerst in den USA (und dort im "Versuchslabor" Kalifornien) sich zu einer großen Welle aufbauen, die dann auch uns in Europa bzw. Deutschland gelangt und wahrscheinlich auch Euch in Fernost erfasst.

@Mathias: Ich bewundere Deinen Mut. Gerade auch Deine Rolle als Chef dürfte vermutlich ein gewisses unternehmerisches Risiko mit sich gebracht haben - sowohl im Hinblick auf die Mitarbeiter als auch auf Kunden. Chapeau! Aber auch Reaktionen der Familie, die im Zweifel am Wichtigsten sind, führen bei manchen hier zu Problemen und erfordern Kompromisse. So weit wie Du bin ich noch lange nicht.

Offline Holger Haehle

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Das Lob an Mathias möchte ich unterstreichen. Als ich noch in Dtld. Manager war, habe ich mich immer betont konservativ angezogen, einfach aus Angst ums Geschäft. Ich wollte doch mit jedem klarkommen - gerade bei der Neukundenakquise. In die äußerliche Erscheinung wird sehr viel hineininterpretiert, meist aus dem sehr subjektiven Blickwinkel des eigenen Erfahrungshorizonts - und der ist nie vollständig und korrekt. Umso wichtiger ist es als Mensch und in Mathias Fall  als Chef fachlich zu überzeugen.

Ja, der Handel ist konservativ, ganz besonders in der Mode. Risiken einzugehen birgt immer auch die Gefahr zu scheitern und das bedeutet in der Wirtschaft, dass Geld verloren wird. Ein gutes Beispiel ist die dt. Automobilindustrie, die trotz fantastischer Gewinne das Risiko gescheut hat in die Entwicklung neuer Antriebssysteme zu investieren. Tesla ist ein Unternehmen mit einer Marktkaitalisierung größer als alle deutschen Herrsteller zusammen. Diesen Kuchen hätte man selber haben können, wenn man nur einen Teil der Gewinne nicht eingestrichen, sondern investiert hätte. Die Flexibilität, die Modernfashion von der Modebranche fordert, wird sich wahrscheinlich erst mit einem Generationenwechsel verbessern, der aber in den Führungsetagen erst in den nächsten 5-10 Jahren ansteht. Wir schwimmen aber mit unseren Röcken auf einer sehr breiten Welle, wenn wir die die ganze Antidiskrimminierungs-, LGBT- und Genderthematik mit einschließen. Die Entwicklung ist statistisch dynamisch und geht in eine exponentielle Phase über. Somit muss sie fast schon zwangsläufig in absehbarer Zeit den Tipping Point erreichen. Ich kann also auch hier zustimmen: Die Zeit ist wirklich reif.

Last but not least, jedes Handeln ist grundsätzlich eine Manipulation, weil Manipulation per se als Verhaltensänderung definiert ist. Jetzt mal ein Beispiel wie so etwas in der Mode funktioniert. H&M hat vor einigen Jahren einen Männerrock mit geringem Erfolg angeboten. Das ganze war nur ein Markttest, der aber auch noch schlecht vorbereitet war, allein schon, weil ich es nicht mitgekriegt habe. Da war nur eine kleine Werbekampagne vorweg und da waren keine Testimonials (Promies wie Brad Pitt oder Till Schweiger, die im Rock auftraten). Aber vor allem haben sie nur einen einzigen Rock angeboten. Ein Kunde konnte also nur überlegen, kaufe ich den Rock oder doch lieber eine Hose. Besser ist es zwei Röcke anzubieten mit unterschiedlichem Design und Preis. Ein Kunde, der beides anprobiert kann immer noch nein sagen und eine Hose kaufen, aber aus Tests mit Versuchspersonen wissen wir, das die Kunden plötzlich anders vergleichen, wenn sie mindestens zwei Röcke probiert haben. Sie stellen sich dann seltener die Frage Rock oder Hose, sondern häufiger die Frage, ob sie diesen Rock oder den anderen kaufen. Das ist die Ankertechnik, die Starbucks geholfen hat seinen Kaffee deutlich teurer zu verkaufen. Die Leute haben nicht mit den Kaffeepreisen beim Bäcker nebenan verglichen, sondern mit den noch teureren Zubereitungen bei Starbucks. Und im Vergleich zu denen gab es eben auch preiswerte Kaffees bei Starbucks. Wenn ich ein bestimmtes Produkt verkaufen will, dann muss ich ein zweites Produkt anbieten, das vergleichbar aber deutlich teurer ist. Es geht darum das Vergleichen mit der Konkurrenz (oder in unserem Falle mit einer Hose) zu verhindern, indem ich einen anderen Vergleichsanker setze.

Offline Modernfashion

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Ich kann die Argumentation von Holger zum Einreißen der Geschlechtergrenzen durch die Generation Z gut nachvollziehen. Ein ganz interessanter Presseartikel dazu im Stern, vom 23. August 2022, den ich aufgrund des thematischen Zusammenhangs hier und nicht bei Presseberichten posten möchte:
https://www.stern.de/gesellschaft/maenner-mit-perlenketten--reisst-der-neue-trend-geschlechtergrenzen-ein--32640748.html

Falls der Ort hier falsch ist, bitte verschieben durch die Mods.

Was den beschriebenen Hype um die Perlenkette betrifft, habe ich das letztes Jahr im Finale der Baseball World Series (Finale in der nordamerikanischen Profiliga Major League Baseball - MLB) verfolgt.
Der Outfielder der Atlanta Braves, Joc Pederson (aktuell bei den San Francisco Giants unter Vertrag), hat mit einer Perlenkette gespielt und die Fans der Braves sind bei den Heimspielen am Durchdrehen gewesen, wenn er zum Schlag (at bat) angetreten ist. Zahlreiche Fans, vor allem männlich, sind mit Perlenkette ins Stadion gegangen. Die Perlenkette hat Eingang in die Baseball Hall of Fame gefunden. Der Juwelier Arik, der die Perlenkette für Pederson angefertigt hat, kann sich vor Aufträgen für Perlenketten für männliche Kunden kaum noch retten.
Porträt zu Joc Pederson hier:
https://en.wikipedia.org/wiki/Joc_Pederson

Und die Geschichte von der Perlenkette an Joc Pederson hier:
https://www.si.com/mlb/2021/10/23/joc-pederson-pearls

Wenn ihr eine brauchbare deutsche Übersetzung wollt, empfehle ich https://www.deepl.com
Text dort einfach reinkopieren.

Offline Holger Haehle

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Schönes Beispiel. Vor nicht allzu langer Zeit wäre so etwas in einem Männersport unmöglich - aber jetzt tragen sogar Basketballer wie Russell Westbrock Rock. Und am häufigsten sieht man Röcke ausgerechnet im einst so machistischen Rap.

Dabei sollten wir nicht nur auf die gucken, die es tun, sondern auch auf die zunehmende Zahl von Menschen, die das in Ordnung findet und solche Entwicklungen zulässt oder gar unterstützt. Vor einiger Zeit gab es eine Grafik, die die Zustimmung für die Ehe für alle nach Parteipräferenz zeigte. Da konnte man sehen, dass deutlich mehr als 50% der Wählerklientel von CDU und CSU der Ehe für alle zustimmte. Das ist gerade für ein konservatives Lager ein gewaltiger Anstieg gegenüber den 90er Jahren. Es gibt also so etwas wie eine stille Sympathie, weil immer größere Bevölkerungsteile in einen Wertewandel eintreten. Das was die Zoomer gerade machen, ist von anderen Generationen vorbereitet worden und wird von diesen unterstützt. Der Trend hat ein Fundament. Die diesbezüglichen Entwicklungen in der Gen Z sind deshalb nicht mehr nur ein Trampelpfad.


Offline Modernfashion

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Die "stille Sympathie" vieler Menschen ist auch wichtig, vor allem wenn man Mut fassen möchte wie ich, bevor es zum ersten mal in ausgiebigem Maß "in die freie Wildbahn" mit Rock geht.


 

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