Autor Thema: Ist Mode sexistisch?  (Gelesen 1804 mal)

Offline Holger Haehle

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Ist Mode sexistisch?
« am: 04.08.2022 13:38 »
Leider gibt es keinen Verein zu unserem Forum, weswegen die Redaktion des Spiegels auf mich zurückkam, um ein Interview für die kommende Printausgabe zu führen. Der Aufhänger war mal wieder Brad Pitt.

Wenn ich bedenke, dass ich fast eine Stunde lang ausführlich auf alle Aspekte der Thematik eingegangen bin, ist das Ergebnis auf einer Viertel Seite eher dürftig. Aber immerhin wird unser Anliegen thematisiert. Bei ungegefähr 4,6 Mio Lesern hoffe ich doch auf eine gewisse Reichweite. Mich persönlich freut, dass sie am Ende meinen Buchtitel nennen. Betet mir mir, dass mich das auf die Bestsellerliste treibt.  :laugh:

Leider darf ich das PDF der Druckfahne nicht vorab veröffentlichen. (Vielleicht teilen mir die Moderatoren mit, ob ich es nach Erscheinen des nächsten Heftes darf). Nachlesen könnt ihr das Interview auf Seite 38 in der Rubrik Reporter. Ich glaube das neue Heft kommt am Samstag in den Handel.

Offline MAS

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Antw:Ist Mode sexistisch?
« Antwort #1 am: 04.08.2022 18:00 »
Super, lieber Holger! Wann erscheint die nächste Ausgabe, also an welchem Wochentag. Als Nicht-Spiegel-Leser habe ich das nicht so im Blick.

LG, Micha
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Offline Holger Haehle

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Antw:Ist Mode sexistisch?
« Antwort #2 am: 04.08.2022 18:07 »
Ha, ich lese den Spiegel auch nur in der Bibliothek. Ich glaube, er kommt samstags raus, denn mir liegt die Druckfahne vor, für die allerletzte Korrektur und Widerrede. Und der Druck wird dann ja wohl nicht mehr als einen Tag einnehmen.

Offline MAS

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Antw:Ist Mode sexistisch?
« Antwort #3 am: 04.08.2022 18:16 »
Ja:
Zitat
Der Spiegel erscheint seit dem 10. Januar 2015 (Ausgabe 3/2015) samstags
(https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Spiegel)

LG, Micha
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Offline Skirtedman

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Antw:Ist Mode sexistisch?
« Antwort #4 am: 05.08.2022 16:32 »
Ein Kumpel schickte mir mit dem Kommentar, ich sei meiner Zeit weit voraus, den folgenden Link:

Aufmacher vor der Bezahlschranke.
(»Klischees in der Mode sind gefährlicher, als man denkt«)

Offline Zwurg

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Antw:Ist Mode sexistisch?
« Antwort #5 am: 05.08.2022 18:49 »
Die Überschrift:
Ist Mode sexistisch?

Wurde noch nicht behandelt.

Und meine Meinung ist ganz deutlich: ja, Mode ist sexistisch.
Den größten Mut erfordert es den eigenen Weg zu gehen

Offline Peter55Muc

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Antw:Ist Mode sexistisch?
« Antwort #6 am: 05.08.2022 19:42 »
Ein Kumpel schickte mir mit dem Kommentar, ich sei meiner Zeit weit voraus, den folgenden Link:

Aufmacher vor der Bezahlschranke.
(»Klischees in der Mode sind gefährlicher, als man denkt«)

Leider muss man da ein Spiegel Abo abschließen, um den Bericht ganz zu lesen

Offline MAS

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Antw:Ist Mode sexistisch?
« Antwort #7 am: 05.08.2022 20:52 »
Die Überschrift:
Ist Mode sexistisch?

Wurde noch nicht behandelt.

Und meine Meinung ist ganz deutlich: ja, Mode ist sexistisch.

Was bedeutet "sexistisch" für Dich, lieber Zwurg?

LG, Micha
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Offline Skirtedman

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Antw:Ist Mode sexistisch?
« Antwort #8 am: 05.08.2022 21:03 »
Ja, darüber habe ich während meiner Zugfahrt vorhin auch nachgedacht. Weil je nachdem, wie man dieses adjektiv auffast, kann man zu ziemlich unterschiedlichen Ergebnissen kommen.

Offline Zwurg

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Antw:Ist Mode sexistisch?
« Antwort #9 am: 05.08.2022 21:32 »
Sexistisch ist etwas das ein Geschlecht benachteiligt, über das rein körperliche hinaus.

Betrachtet man die Menscheit unpartisch von aussen, kann man zwei Geschlechter erkennen.
Nackt unterscheiden sie sich bis auf die Primären und sekundären Geschlechtsmerkmale nur wenig. Es gibt keine Unterschiedlichen Fellzeichnungen oder Federkleid.

Von daher ist es vollkommen unerklärlich, warum sie sich so unterschiedlich kleiden, warum das eine Geschlcht ein 400% größere Auswahl an Kleidungsmöglichkeiten hat, als das Andere.
Und warum das eine Geschlecht ausgegrenzt wird wenn es sich Anleihen aus dem Geschlecht mit der höheren Auswahl nimmt.

Das nenne ich sexistisch.

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Offline MAS

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Antw:Ist Mode sexistisch?
« Antwort #10 am: 05.08.2022 21:37 »
Danke für die Erklärung, lieber Zwurg.

Ich denke, die Antwort auf Deine Frage findet man in der Sozialgeschichte. Das, was Du beobachtet, kommt ja nicht einfach so aus heiterem Himmel, sondern hat seine Bedingungen.

Du sagst, es sei "vollkommen unerklärlich". Meinst Du damit, dass man auch mit Hilfe der Sozialgeschichte nicht herausfinden kann, wie sich dieses Faktum zu dem entwickelt hat, was es heute ist, oder meinst Du mit "unerklärlich", dass es nicht der reinen Biologie entspricht und von ihr her nicht logisch ableitbar ist? Oder meinst Du noch etwas anderes?

LG, Micha
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Offline Zwurg

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Antw:Ist Mode sexistisch?
« Antwort #11 am: 05.08.2022 22:10 »
Natürlich weiß ich persönlich woher die Traditionen um unsere Kleidung kommen.
Ich meine aber, dass es unerklärlich ist, wenn es unvoreingenommen von aussen betrachtet wird, durch einen neutralen (fiktiven) Beobachter der die Kulturgeschichte nicht kennt.

Vor allem wenn man die Tatsache sieht dass nur ein Geschlecht, die Kleidungsmöglichkeiten des anderen Geschlechts übernommen hat.
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Offline MAS

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Antw:Ist Mode sexistisch?
« Antwort #12 am: 05.08.2022 22:24 »
Lieber Zwurg,

Du schreibst "wenn es unvoreingenommen von aussen betrachtet wird, durch einen neutralen (fiktiven) Beobachter der die Kulturgeschichte nicht kennt".

Das ist ja genau das Problem, dem sich Kulturwissenschaftler*innen immer wieder stellen müssen. Und die Forderung daraufhin lautet: "Dann lerne die Kulturgeschichte kennen." Das ist also dann der Forschungsauftrag.

Und man muss dabei eines bedenken: Die Tatsache, dass es unerklärlich ist, steht auch nicht im luftleeren Raum, sondern auch der Mensch, dem es unerklärlich ist, steht in einer Tradition und Kultur des Verstehens. So gänzlich von außen sieht niemand etwas, aber dennoch ist es eine Außenperspektive. Aber dieser Mensch steckt ja auch in einer Kultur, aus der heraus er eine andere Kultur zu verstehen sucht.

Bei uns modernen, naturwissenschaftlich geprägten Menschen ist es so, dass wir manchen Traditionen unserer eigenen Kultur ausßenperspektivisch gegenüber stehen, weil sie eben nicht aus modernem, naturwissenschaftlich geprägtem Denken heraus entstanden sind, sondern aus mythisch-religiösem oder noch älter aus einem noch vormenschlichem Verhaltensmuster heraus.

Ich muss mal eine Pause machen.

LG, Micha

*

So, da bin ich wieder:

Worauf ich hinaus will: Wir sollten uns, wenn uns etwas total unverständlich ist, mal fragen, aus welcher Perspektive wie das uns unverständliche Faktum betrachten. Was sind unsere Verstehensvoraussetzungen? Gibt es eine Passung zwischen uns und diesem Objekt, das wir verstehen wollen, aber so leicht nicht können, oder überwiegt die Nichtpassung?

Und wir sollten uns fragen, ob hinter dem deskriptiven Verstehenwollen vielleicht auch ein normatives Nichtverstehenwollen steckt, das uns beim Verstehenkönnen behindert.

Verstehst Du micht jetzt, Zwurg, oder rede ich für Dich Kauderwelsch?

LG, Micha

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Offline Holger Haehle

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Antw:Ist Mode sexistisch?
« Antwort #13 am: 06.08.2022 03:48 »
Naja Micha, du müsstest das schon noch etwas ausformulieren und vielleicht mit einem Beispiel verdeutlichen.

Ich möchte über Zwurgs Feststellung noch etwas hinausgehen, und betonen, dass sich die Geschlechter über die primären und sekundären Geschlechtsmerkmale hinaus gar nicht unterscheiden. Denn selbst die Ausprägung der Geschlechtsmerkmale ist so variabel, dass manche Frau optisch als Kerl durchgehen würde, wäre sie nicht entsprechend markiert mit Haarschnitt und Kleidung. Umgekehrt gilt das natürlich auch für Männer. Selbst die so weiblich empfundene Brust kann sich bei Männern allein durch natürliche Variation der Hormonproduktion ebenso gewaltig entwickeln wie bei Frauen. Ja, Männer haben neben einem Testosteron-Spiegel immer auch einen Östrogen-Spiegel. Hohe Testosteron-Spiegel führen zum Umbau zu Östradiol. Deswegen führen Anabolika erst zu Muskelwachstum und dann zu Brustwachstum.

Und jetzt der Bogen zu Sexismus. Erst durch gesellschaftliche Maßnahmen und Interessen entstehen Unterschiede, die durch Kleidung markiert werden.  Sie machen die Privilegien für alle sichtbar und beeinflussen die Sozialisation, die uns entsprechend prägt und damit ganz unbewusst zu gesellschaftskonformen Verhalten "nötigt".

Offline Holger Haehle

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Antw:Ist Mode sexistisch?
« Antwort #14 am: 06.08.2022 04:39 »
Liebe Leute,

ich bekam heute Nacht einen Anruf vom Spiegel. Die hatten wohl die Zeitverschiebung vergessen. Die Chefredaktion möchte mehr zum Gender und Männerrock Thema für die Online-Ausgabe am Dienstag. Diesmal steht mir mehr Platz zur Verfügung. Da wird der Redakteur noch mal den Sexismus-Aspekt historisch am folgenden Auszug aus meinem Buch behandeln:

"...In Frankreich entlud sich die Not der Bevölkerung in einer blutigen Revolution, die die Monarchie beendete. In der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte wurden Frauen nicht erwähnt. Mit den darin erwähnten Menschen waren ausdrücklich Männer und nicht Frauen gemeint. Nur Männer erhielten ein Wahlrecht oder konnten in den Nationalkonvent gewählt werden. Es entstand die Französische Republik mit einer männlichen, bürgerlichen Herrschaft, so wie es sie bereits in den Niederlanden, der Schweiz und England gab.

Die Sans-culottes, die Hose der arbeitenden Bevölkerung und Jakobiner, wurde zum Symbol der neuen Herrschaft. Sie stand für Nützlichkeit im Gegensatz zum repräsentativen höfischen Rock, der zum Symbol hegemonialer, aristokratischer Dekadenz wurde. Ein Rock war von nun an eines bürgerlichen Mannes nicht mehr würdig. Fortan war die Hose das einzig legitime Beinkleid für den erwachsenen Mann. In seiner schlichten Ausführung unterstrich es den Anspruch auf exklusiv männliche Rationalität und Kompetenz. Der Psychologe John Carl Fluegel erklärte dazu 1930 in seiner „Psychologie der Bekleidung“, dass der freiwillige Verzicht auf äußerlich hervorgehobene Schönheit auf höher zu bewertende innere Qualitäten verweisen sollte. Frauen wurden vom Hosentragen ausgeschlos-sen, denn sie hätten kein Sein. Ihr authentisches Wesen, so erklärte das der Philosoph und theoretische Vordenker der modernen Demokratie Jean-Jaques Rousseau, sei das Nichts des Scheins, das Theater. Frauen sollten im Hause die sanfte Herrschaft des Herzens ausüben, während die Männer die res publica, die Sache aller vertraten. Ohne den Mann, durch den die Frau bestimmt werde, sei die Frau nichts. So wurde die Hose zum na-türlichen Zeichen eines patriarchalen Führungsanspruchs.

Alle herrschaftlichen Männlichkeitssymbole wurden bürgerlich umkonnotiert. Alle männlichen Modeprivilegien sind deswegen heute weiblich. Die weitreichenden Veränderungen kamen einem Paradigmenwechsel gleich, denn schon im Tierreich und dann durch die gesamte Kulturgeschichte waren es fast immer die Männchen und Männer, die sich als Löwenpascha und Pfau oder prunkvolle Pharaonen und Cäsaren optisch aufwerteten, um Machtpositionen einzunehmen. Mit dem Beginn der bürgerlichen Herrschaft hat sich die äußerliche männliche Erscheinung nicht nur grundlegend geändert, sondern umgekehrt. Männer schmückten sich nicht mehr selbst, sondern sie schmückten sich nun mit ihren Frauen, deren Garderobe und Schmuck sie schließlich finanzieren. So wurde die Mode weiblich. Schönheit und Mode waren gerade im 19. Jahrhundert die einzigen Möglichkeiten für Frauen, sich gesellschaftlich zu präsentieren. Sie spiegelten damit den sozialen Status ihrer Männer, denen sie dienten. Jedes andere Engagement, vor allem in Politik und Wirtschaft, war den Männern vorbehalten. Heute können Frauen alles tragen. Beschränkungen gibt es nur noch für die „eigentlich” freien Männer, die sich aber die einengenden Regeln selbst verordnet haben, um sich auf „höherer“ Ebene noch wichtiger zu machen..."


 

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