Autor Thema: Das Kleid und der Psychologe  (Gelesen 1448 mal)

Offline cephalus

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Das Kleid und der Psychologe
« am: 27.10.2022 15:36 »
In den vergangenen zwei Jahren hatte ich in unregelmäßigen Abständen mit einem Psychologen und Psychotherapeuten zu tun. Da unsere Zusammentreffen aufgrund meines Fachgebiets und nicht seines stattfanden, haben wir bislang nur wenig miteinander gesprochen, bis letzte Woche.

Als ich kam, fiel mir schon auf, dass er offensichtlich mehr Zeit (eingeplant?) hatte, mir direkt einen Kaffee anbot und scheinbar Redebedarf hatte.

Nach ein paar sprachlichen Pirouetten sprach er mich darauf an, dass ich wohl zweimal oder dreimal eine "Art Kleid" (natürlich war es eins, was sonst?) getragen hätte.

Das hatte ich bereits vergessen, es war nicht relevant für mich. Sonst, wie auch in der vergangenen Woche, trug ich Hosen.

Er fragte mich direkt nach den Gründen, weil er das nicht einordnen könne. Er hätte wohl auch Jugendliche, die wegen einer Transsexualität bei ihm in Behandlung wären, ich würde aber ganz anders auf ihn wirken.

Ich erklärte ihm, dass mich ausschließlich Hosen zu tragen langweilen würde, Kleider gerade im Hochsommer luftiger wären , und es mir manchmal Spaß macht, Leute zum Nachdenken zu bringen. Ausserdem versuchte ich ihm klar zu machen, dass es für mich nichts mit weiblich zu tun hätte, eine Erweiterung der Männergarderobe sei und ich mich in meiner männlichen Haut wohlfühle.

Er wollte mich auch nach einer Viertelstunde, während in der ich geglaubt hatte, er hätte es verstanden, dann plötzlich darauf festnageln, dass ich an manchen Tagen aus einem tiefen inneren Gefühl heraus ein Kleid tragen 'müsse'.

Ich war offensichtlich nicht in der Lage, ihm den Sachverhalt für ihn verständlich zu erklären. Das nächste Mal komme ich auf jeden Fall in Rock oder Kleid.

Mal sehen ob es ein schwieriger Fall wird.

Ich dachte immer, das Therapeuten zuerst unvoreingenommen an Themen herangehen sollten, wenn ich bedenke, dass er nach eigener Aussage auch Jugendliche wegen Transsexualität als Patienten hat, dann stimmt mich das mehr als nachdenklich.

Cephalus

Offline Skirtedman

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Antw:Das Kleid und der Psychologe
« Antwort #1 am: 27.10.2022 15:56 »
Na, cephalus,

ist doch ganz klar:

Der Psychologe wollte versuchen, Dich als sein Kunde seines Fachgebiets zu gewinnen!

Einfach nur kommerzielles Interesse, Dich nicht vollständig verstehen zu wollen!

Offline cephalus

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Antw:Das Kleid und der Psychologe
« Antwort #2 am: 27.10.2022 16:28 »
Wohl kaum, Kinder- und Jugendpsychotherapeut mit ewig langer Warteliste...

Offline MAS

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Antw:Das Kleid und der Psychologe
« Antwort #3 am: 27.10.2022 16:45 »
Ich habe ja mal als einziger Nichtpsychologe in einem Psycholog*innenteam gearbeitet und mein einer Chef kam mit meinem Rocktragen zuerst auch nicht klar. Aber er tolerierte es mit der Bedingung, im Klinikhauptgebäude keine Röcke zu tragen, denn das könnte die Patien*innen irritieren und eventuell deren Therapie gefährden.

Einmal war eine auswärtige Psycholgin bei zu Gast, die ich sogar im Auto mitgebracht hatte, wobei ich Rock trug, und als ich dann mittags den Rock gegen eine Hose wechselte, weil die Kantine im Klinkhauptgebäude war, fragte sie nach dem Grund des Umziehens. Ich erklärte es, und sie meinte, viellecht sei der Anblick eines Mannes im Rock sogar förderlich für manche Therapie. 

Ja, ja, die Psycholog*innen, ein Volk für sich!

Aber davon abgesehen trug ich in den drei Jahren meiner Arbeit in diesem Team meine Röcke ausgibig und niemand sonst nahm daran Anstoß.

LG, Micha
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Offline Holger Haehle

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Antw:Das Kleid und der Psychologe
« Antwort #4 am: 27.10.2022 17:57 »
Vielleicht musst du diesem Psychologen die Ausführungen des Psychologen John Carl Fluegel (https://en.wikipedia.org/wiki/John_Fl%C3%BCgel) mit dem Titel "Die Psychologie der Bekleidung" von 1930 empfehlen, wo die Auswirkungen der Genderkonstruktion auf die Bekleidung erklärt werden.

Offline Lars

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Antw:Das Kleid und der Psychologe
« Antwort #5 am: 27.10.2022 20:44 »
Gute Psychologen sind extrem rar. Das sind solche mit viel Erfahrung und m.E. viel eigener Erfahrung und eigenen Erlebnissen. Das kann man nicht studieren, wenn mich einer fragt ...
Wissenschaft ist der letzte Stand des Irrtums

Offline Holger Haehle

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Antw:Das Kleid und der Psychologe
« Antwort #6 am: 28.10.2022 07:13 »
Erfahrung ist wichtig. Je mehr desto besser. Aber was tut der Psychologe in Situationen, die außerhalb seines Erfahrungshorizonts liegen? Kann er über den eigenen Tellerrand blicken? Cephalus Psychologe hat wahrscheinlich ausreichendes empirisches Wissen für seine Arbeit, das reicht aber scheinbar nicht, um auch die intrinsische Motivation zu erklären, warum unser Cephalus Rockware liebt. Jede Erfahrung bildet eben mehr oder weniger nur einen Teil der Realität ab. Gute Extrapolation ist eine weitere Eigenschaft, die gefordert ist, wenn man andere verstehen will.

Offline MAS

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Antw:Das Kleid und der Psychologe
« Antwort #7 am: 28.10.2022 09:06 »
Psychologie ist heute großenteils Statistik. Psychotherapie ist da nochmal was anderes. Da genügen Korrelaktionen nicht, sondern da braucht es qualitiative Empirie und auch Einfühlungsvrmögen. Fühlen indes gilt nicht als wissenschaftliche Methode.

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Offline Holger Haehle

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Antw:Das Kleid und der Psychologe
« Antwort #8 am: 28.10.2022 16:39 »
Naja, das Fühlen muss schon reproduzierbare Daten liefern, um anerkannt zu werden. Und natürlich muss in der Kontrollgruppe eine andere Person mit der gleichen Sensorik zu den gleichen Daten kommen. Mit dem richtigen Regime wie In doppel-blinden Studien spielen Gefühle eine wichtige Rolle.

Offline MAS

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Antw:Das Kleid und der Psychologe
« Antwort #9 am: 28.10.2022 17:05 »
Lieber Holger, meinst Du die Gefühle der Probanten oder der Forscher?

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Offline doppelrock

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Antw:Das Kleid und der Psychologe
« Antwort #10 am: 28.10.2022 17:49 »
Gute Psychologen sind nicht nur selten, bei den vielen anderen habe ich sogar das Gefühl, dass sie den Beruf erlernt haben, weil sie mit sich selbst nicht im Reinen sind und glauben, sich durch das erlernte Fachwissen selbst therapieren zu können.
Klappt aber nicht, weil vielen einfach Erfahrung und Feingefühl fehlt, vielleicht Menschlichkeit oder sogar die Seele.
Bei vielen im TV scheint sogar politischer Opportunismus den Befund zu bestimmen.

Wer mit Männern im Rock nicht klarkommt oder sie in vorgegebene Schubladen stecken muss, hat trotz abgeschlossenem Psychologie-Studium den Beruf verfehlt. Auswendig lernen und Symptome nach Liste behandeln versagt kläglich.

Offline Lars

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Antw:Das Kleid und der Psychologe
« Antwort #11 am: 28.10.2022 19:03 »
Fühlen indes gilt nicht als wissenschaftliche Methode.

Naja, das Fühlen muss schon reproduzierbare Daten liefern, um anerkannt zu werden.

Diese beiden Teilzitate untermauern meine These, daß Wissenschaft bestenfalls an der Oberfläche kratzt und nie das Ganze betrachtet. Deswegen kann sie auch nicht ernstgenommen werden ...
 
Zum Thema:
Meine Beobachtung ist, daß die besten und empathischsten Therapeuten selber eine richtige Macke, oder wie ich zu sagen pflege, einen richtigen Treffer haben. Und das meine ich positiv. Eine bessere Erfahrung gibt es nicht.
 
Viele Grüße,
Lars
Wissenschaft ist der letzte Stand des Irrtums

Offline MAS

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Antw:Das Kleid und der Psychologe
« Antwort #12 am: 28.10.2022 19:24 »
Das stimmt schon, dass Wissenschaft nicht das Ganze erfasst. Aber viele wissenschaftliche Forschungen, von denen jede so ein bisschen macht, ergeben zusammen dann schon ein großes Bild. Aber das Ganze? Das wird dann der Religion und der Philosophie überlassen. Ein Becher kann nie den ganzen Ozean fassen. Ernst nehmen kann man die Wissenschaften aber trotzdem, wenn man nicht zu viel erwartet.

Bzgl. selber "einen richtigen Treffer haben": In der Religionswissenschaft wird gefordert, diesen "eigenen Treffer", sprich die eigene Religiosität, außen vor zu lassen. Sie mit in die Wissenschaft hereinzunehmen überlässt man der Theologie.

Ich habe ja auch schon religionspsychologisch gearbeitet. Ich habe indes schon auch meine Gefühle artikuliert, zumindest ein wenig.

LG, Micha
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Offline Ludwig Wilhem

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Antw:Das Kleid und der Psychologe
« Antwort #13 am: 29.10.2022 19:25 »
Hallo, dieses ist ein heißes Thema für Psychologen und Psychotherapeuten. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass diese Menschen sehr unterschiedlich ausgebildet sind und oft ihre eigene Ansicht auf den Patienten/Klienten übertragen wollen und wie Cephalus es richtig gesehen hat, nicht verstehen - wollen?-, was der Klient sagt:
Ich erklärte ihm, dass mich ausschließlich Hosen zu tragen langweilen würde, Kleider gerade im Hochsommer luftiger wären , und es mir manchmal Spaß macht, Leute zum Nachdenken zu bringen. Ausserdem versuchte ich ihm klar zu machen, dass es für mich nichts mit weiblich zu tun hätte, eine Erweiterung der Männergarderobe sei und ich mich in meiner männlichen Haut wohlfühle..
Also Vorsicht, nicht gleich den 1. Therapeuten nehmen, sondern Probesitzungen nehmen, ob der Therapeut dich versteht. LG Ludwig.
Ich trage Röcke oder Kleider gerne, denn es sind Kleidungsstücke für uns alle.

Offline cephalus

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Antw:Das Kleid und der Psychologe
« Antwort #14 am: 29.10.2022 20:44 »
Da bin ich ja froh, Ludwig,  dass ich nicht auf der Suche nach einem Therapeuten bin.  Mich hat sein Interesse ebenso irritiert,  wie seine Reaktion auf meine Aussagen.

Ich frage mich nur nachhaltig ob er der richtige für die Behandlung Jugendlicher mit einer Transsexualität ist. Die haben vermutlich noch wenig Durchsetzungs- und Einschätzugsvermögen in der Wahl ihres Therapeuten.

 

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