Autor Thema: Hans Hasenfuß – oder der Versuch, das Rocktragen zu literarisieren  (Gelesen 8309 mal)

Offline Ein de Waf

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Nicht 100% authentisch, aber doch sehr nahe. Würde vielleicht wo anders hinpassen, aber dort habe ich (derzeit) keine Rechte.
Viel Spaß beim Lesen meiner 'Doku Geschichte'. Laßt mich wissen, was ihr davon haltet und mit was ihr euch vielleicht sogar identifizieren könnt.

LG. Peter.

Folge 1 – Durch Wald und Dorf

‚Hmmmm…‘, überlege ich, da bin ich nun einem Rock und Kleider Forum beigetreten und selbst? Einem Forum, dessen Mitglieder es längst praktizieren. Das, bei dem mir Angst und Bange ist? Nämlich in Rock und Kleid die Öffentlichkeit zu erobern.
Also pack deine zwei Hasenfüße, steck sie in eine Strumpfhose. Nimm deinen Minirock und geh. Du hast einen Termin bei deiner Physiotherapeutin, die derlei bei dir ja schon kennt. Im Nebendorf, hinter dem Berg, auf dem du selbst wohnst.
So denke ich. Innerlich zittere ich. Muss das denn wirklich sein, frage ich mich. Und: was ist, wenn…?
Ja, es muss sein. Punkt.
Also angezogen, Strumpfhose, Rock. Ich schiebe den kurzen Minirock auf meine Taille, lege ihn am Saum zweimal zusammen. Ich ziehe meine Tarnung, die Hose des Trainingsanzugs, drüber an. Und verberge damit mein Röckchen.
Ich ziehe die zwei Jacken, draußen ist es kalt, nur zwei Grad Plus, an, nehme meinen Rucksack und gehe, nachdem ich das Haus zugesperrt und das Tor geschlossen habe.
Natürlich steht Oliver, mein Nachbar, an seinem Gartentürl. Ich rede kurz mit ihm, frage ihn nach seinem Befinden. Egal, wie kalt oder schlecht das Wetter ist, Oliver steht immer da. Zumindest um diese Zeit. Er ist mein Lieblingsnachbar, freundlich und immer zu einem Schwatz aufgelegt. Er hat nur einen Nachteil für mich: er redet gerne und nicht positiv über einen anderen Nachbarn. Der nicht heterosexuell ist und seine Fingernägel rot lackiert und überlang trägt.
Heute mache ich den Schwatz kurz und verabschiede mich. Ich erreiche den Waldrand fünfzig Meter weiter, betrete den Pfad, der zwischen den kahlen Bäumen nach oben geht. Ich gehe einige Meter den Weg, der sich durch den Wald sanft nach oben schlängelt und sehe in einiger Entfernung eine Frau mit einem weißen Hund an der Leine. Sofort siegt mein Hasenfußdenken: was ist, wenn sie mich so sieht? Dabei, fällt mir erst viel später ein, habe ich ja noch die Hose an.
Ich weiche aus, gehe einen der anderen Pfade, die den Wald durchziehen. Mitten im Wald ziehe ich mich um, die Hose aus. Ich ziehe den Rock nach unten, meine Schuhe wieder an. Oh Gott, ist es schön, die kalte Luft an meinen Beinen, unter der 40 den Stützstrumpfhose zu spüren! Den Druck, den sie auf meine Haut ausübt, zu fühlen. Das Bewusstsein, endlich einen Rock im Freien zu tragen, im Denken.
So gehe ich weiter, bis zur Forststraße, die am Bergkamm entlang läuft. Ich biege ab, Richtung Westen, gehe auf der Straße. Zweihundert Meter weiter treffe ich auf die nächste Spaziergängerin mit Hund. Was ist wenn…? Instinktiv halte ich die Hose in meiner Hand vor mich. Es könnte ja sein, dass der Rock dann wie eine kurze Hose aussieht. Mein Herz klopft laut. Als ich an ihr vorbei gehe, grüße ich sie und werde auch gegrüßt. Nun werde ich wohl mit einem unfassbar ungläubligen Blick bestraft werden. Doch nichts geschieht, die Frau sieht mich gar nicht an! Ich gehe weiter, atme tief durch.
Den ganzen restlichen Weg durch den Wald begegne ich niemanden mehr. Universum sei Dank. Am Waldrand, die ersten Häuser meines Zieldorfs sind in Sicht, siegt wieder der Hasenfuß. Ich ziehe die Hose, unsichtbar, weil abseits von der Straße, wieder an.
Der Weg geht durch eine Siedlung von Einfamilienhäusern. Das einzige, das mir begegnet, ist der Lieferwagen einer Heizungsfirma. Kurz denke ich, dass der Fahrer nicht sehen kann, was ich unter der Hose anhabe und ich damit einen Vorteil ihm gegenüber habe. Verrückt – oder nicht?
Der Weg verzweigt auf die Hauptstraße. Hier fahren einige Autos und ich bin froh, getarnt zu sein. Vor Blicken. Ich quere die Hauptstraße, gehe am Gemeindeamt vorbei, dann an der Schule. Endlich erreiche ich das Haus, in dem sich die Praxis meiner Therapeutin befindet. Ich läute, werde eingelassen. Immer noch in Hose.
Nach der Therapiestunde lässt sich die Therapeutin zeigen, dass ich einen Rock trage. Vor einigen Monaten hatte ich sie meinerseits angesprochen. Weil sie, eine junge und zierliche Frau, immer so schöne phantasiereiche Röcke und Kleider trägt. Nachdem zwischen uns Offenheit im Umgang miteinander herrscht, hatte ich ihr meine Schwäche genannt.
Heute führt unser kurzes Gespräch und die Erfahrung am Weg hierher dazu, dass ich die Hose im Rucksack lasse und mit dem Rock an der Luft und deutlich zu sehen, zurück gehe. Nun kommt die Nervenprobe. Ich gehe die Hauptstraße entlang. Das erste Auto kommt. Von hinten. Noch geben mir die abgestellten Fahrzeuge Deckung. Nichts passiert. Ich erreiche die Straßenstelle ohne Deckung. Keine parkenden Autos mehr.
Ein Auto kommt von hinten. Schon rechne ich mit Hupen, Gelächter, vielleicht geöffnete Fenster und Tuntenrufe. Nichts passiert! Ich gehe weiter. Meine Nerven vibrieren weiter. Mehrere Autos von vorne. Autos mit zwei Menschen darin. Niemand sieht mich offensichtlich an, keine Finger in meine Richtung. Alles ignoriert mich, mich, der ich wie… Ja, wie – wie ein Mann im Rock aussieht. Etwas ganz normales – kann das sein?
Noch mehr Autos. Ein Polizeifahrzeug kommt von vorne. Schon sehe ich vor mir, dass der Wagen mit den zwei Polizistinnen vor mir stehen bleibt. Ich werde verhaftet, die Handschellen klicken an meinen Gelenken. Ich werde in eine Zelle gesperrt, zwischen illegalen Sexarbeiterinnen und Betrunkenen verbringe ich die Nacht. Wegen Erregung eines öffentlichen Ärgernisses. Das wäre dann wirklich öffentlich. Und peinlich, demütigend? Doch auch der silberfarbene Wagen mit den blauen und roten Streifen fährt vorbei. Ich sehe ihm nach.
Endlich entspanne ich mich, quere die Straße, gehe wieder durch die Siedlung. Ein Spaziergänger begegnet mir. Er sieht mich nicht einmal an. Im Wald treffe ich niemanden mehr. Oliver ist weg gefahren. So gehe ich im Rock bis nach Hause.
Genügend Abenteuer für heute. Doch demnächst… Folge 2 – oder?


Offline MAS

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Guten Morgen lieber Peter!

Danke für Deine Geschichte. Und ja, ich kann mich gut hineinversetzen. Also ich 1999 meine ersten Gänge im Rock in der Öffentlchkeit machte - abgesehen von Sri Lanka 1986 und Fasnet als Schotte 1991 - war ich ähnlich aufgeregt und empfand jeden Gang wie einen Sprung ins kalte Wasser, an  dessen Temperatur ich mich gewöhnen musste und den Puls erstmal wieder runterbringen musste. Und tatsächlich wurde mir auf meinem ersten längeren Spaziergang im Jeansrock von einem Jugendlichen "Schwuchtel" hinterhergerufen. Auf demselben Spaziergang meinte aber eine Frau in einem ähnlichen Jeansrock, die ich fragte, was sie davon hielt, wenn ein Mann so einen Rock trägt, das sollten mehr Männer machen. Du siehst, ich begegnete bei diesem ersten Spaziergang in der Bonner Innenstadt und Rheinanlage anderen Menschen. Ich ging ihnen nicht aus dem Weg, ja Bekannte, die ich traf, oder auch diese eine mir unbekannt Frau sprach ich an und fragte, was sie darüber denken. Und so bekam ich außer dem einen Schwuchtelruf auch sofort positive Resonanz. Und so ging das weiter.

Deswegen: Nur Mut und weiter so!

Und mit etwas Glück klappt es auch mit dem Nachbarn, dem Oliver. Schönen Gruß an ihn!

LG, Micha
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Offline Ein de Waf

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Guten Morgen lieber Peter!

Danke für Deine Geschichte. Und ja, ich kann mich gut hineinversetzen. Also ich 1999 meine ersten Gänge im Rock in der Öffentlchkeit machte - abgesehen von Sri Lanka 1986 und Fasnet als Schotte 1991 - war ich ähnlich aufgeregt und empfand jeden Gang wie einen Sprung ins kalte Wasser, an  dessen Temperatur ich mich gewöhnen musste und den Puls erstmal wieder runterbringen musste. Und tatsächlich wurde mir auf meinem ersten längeren Spaziergang im Jeansrock von einem Jugendlichen "Schwuchtel" hinterhergerufen. Auf demselben Spaziergang meinte aber eine Frau in einem ähnlichen Jeansrock, die ich fragte, was sie davon hielt, wenn ein Mann so einen Rock trägt, das sollten mehr Männer machen. Du siehst, ich begegnete bei diesem ersten Spaziergang in der Bonner Innenstadt und Rheinanlage anderen Menschen. Ich ging ihnen nicht aus dem Weg, ja Bekannte, die ich traf, oder auch diese eine mir unbekannt Frau sprach ich an und fragte, was sie darüber denken. Und so bekam ich außer dem einen Schwuchtelruf auch sofort positive Resonanz. Und so ging das weiter.

Deswegen: Nur Mut und weiter so!

Und mit etwas Glück klappt es auch mit dem Nachbarn, dem Oliver. Schönen Gruß an ihn!

LG, Micha

Danke Micha,

für deinen Kommentar - du bist also auch schon ein langjährig Überzeugter. In Bonn war ich noch nie, obwohl ich dienstlich immer wieder in Deutschland unterwegs war.

LG. Peter.

Offline Yoshi

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In den meisten Fällen passiert nichts, abgesehen von ein paar irritierten oder überraschten Blicken, wobei der Großteil gar nicht reagiert. Die Angst ist natürlich objektiv unbegründet, wurde uns aber bereits im Kindesalter "eingepflanzt". Das ist schon absurd, dass das selbsternannte "starke" Geschlecht, was sich gerne als hart und furchtlos präsentiert, so eine unfassbare Angst hat, ein einröhriges Stück Stoff anzuziehen.

Dein Bericht erinnert mich ein wenig an das Versteckspiel eines Jugendlichen, der Joints raucht und das vor seiner Familie und Bekanntenkreis verheimlicht, dass dann in einem abgelegenen Waldgebiet macht, wo er nicht erwischt werden kann, aber Angst bekommt, wenn Spaziergänger entgegenlaufen, die ihn deswegen maßregeln könnten und der dann bei einer befahrenen Straße den Joint versteckt, um nicht von der Polizei erwischt oder von Passanten beschimpft zu werden.

Was ich damit sagen will: Als anfänglicher Rockträger hat man oft den Gedanken, etwas falsches zu tun, rechnet vor sozialer Ächtung, hat Sorge Job oder Partnerin zu verlieren und ja, manche haben sogar Angst von der Polizei angehalten zu werden, als ob es eine Straftat wäre. Es ist halt leider jahrelange Prägung, die solche Bedenken in unseren Köpfen gedeihen ließen, aber du wirst merken, wenn du das öfter öffentlich trägst, dass die meisten (negativen) Annahmen sich nicht bewahrheiten.

P.S.: Im Gegensatz zu einem Joint ist Röcke tragen auch ziemlich ungefährlich und schadet nicht der Gesundheit. Hier hinkt nämlich glücklicherweise mein Vergleich  ;)


Offline MAS

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Lieber Peter,

ja, ich bin innerlich sogar schon viel länger überzeugt, als ich es praktisch umsetze.

Lieber Yoshi,

ich hatte nie das Gefühl, etwas falsches zu tun, sondern nur, dass andere es als falsch ansehen könnten, was ja auch vorkam und bisweilen noch vorkommt. Ich selbst war aber schon lange bevor ich mit dem Röcketragen praktisch anfing überzeugt davon, dass es richtig ist, Röcke zu tragen, wenn man das will, unabhängig vom Geschlecht.

LG, Micha
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Offline Yoshi

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Lieber Yoshi,

ich hatte nie das Gefühl, etwas falsches zu tun, sondern nur, dass andere es als falsch ansehen könnten, was ja auch vorkam und bisweilen noch vorkommt. Ich selbst war aber schon lange bevor ich mit dem Röcketragen praktisch anfing überzeugt davon, dass es richtig ist, Röcke zu tragen, wenn man das will, unabhängig vom Geschlecht.

Ja, ich hatte auch nie das Gefühl etwas falsches zu tun, aber ich lese das hier erstaunlich oft im Forum. Tja, so hat wohl jeder seine Sorgen und Ängste. Ich hatte - und habe manchmal immer noch - dafür andere.

P.S.: Mir fällt auf, dass der vorige Vergleich doch mehr passt als gedacht. Röcketragen kann auch einen Rausch auslösen. Wer einmal anfängt, wird süchtig, kann nicht mehr aufhören und will immer mehr.  ;)

Offline cephalus

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Hallo Peter,
ich glaube so haben viele angefangen, irgendwie wo nicht mit anderen zu Rechnen war und immer das Gefühl man könnte erwischt werden und dann...? Was dann das konnte ich auch nicht sagen. Und manchmal kommt so ein ähnliches Gefühl auch heute in manchen Situationen plötzlich hoch.
Genau so, wie ich manche Situationen tatsächlich immer noch im Rock meide wegen meines Gefühls und manche Situationen aus Vernunft lieber in Hose erlebe, weil ich weiß der Rock würde auf eine anstrengende Art Thema und/oder die Aussage würde falsch interpretiert.

@Yoshi
Vielleicht ist das Gefühl beim heimlichen Joint erwischt werden zu können ähnlich wie beim Rock, aber der Unterschied ist doch gravierend:
Rock tragen ist keine Straftat und erst Recht kein Verbrechen wie wenn man größere Mengen Drogen besitzt.

Derzeit ist es so, dass die Polizei, zumindest in München,  auch kein Auge zudrückt, wenn sie zufällig einen Kiffer sehen.

Offline Yoshi

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@Yoshi
Vielleicht ist das Gefühl beim heimlichen Joint erwischt werden zu können ähnlich wie beim Rock, aber der Unterschied ist doch gravierend:
Rock tragen ist keine Straftat und erst Recht kein Verbrechen wie wenn man größere Mengen Drogen besitzt.

Derzeit ist es so, dass die Polizei, zumindest in München,  auch kein Auge zudrückt, wenn sie zufällig einen Kiffer sehen.

Ja, das wollte ich damit auch eigentlich ausdrücken. Wobei sich der Straftatbestand demnächst in Deutschland wahrscheinlich ändern wird, sodass beides legal wäre. Allerdings wäre es für den Jugendlichen nach wie vor illegal - der Joint, nicht der Rock. Aber ich wollte eigentlich keine Diskussion über Drogenpolitik starten, sondern nur ironisch-humoristisch auf absurde Ängste beim Rocktragen hinweisen.

Offline Ein de Waf

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Hallo Yoshi, MAS, cephalus,

danke für eure Kommentare und Antworten!
Ist ja auch so etwas wie Satire, Überzeichnung - wie alle derartige Literatur nicht sooooo ernst zu nehmen.
Ein bisschen in Richtung simplicius simplicissimus von Grimmelshausen, dem Klassiker eines Entwicklungsromans. In diesem wird ja richtig überzeichnet.
Und doch ist der 'dumbe Tor' "lebensecht" und in Folge wird auch aus ihm ein anderer Mensch.
In meiner Geschichte ist die Sache mit der Polizei genauso überzeichnet. Wer steckt einen harmlosen, einsamen Rockträger in eine Zelle? Vielleicht in
einem stockkonversativen USA Bundesstaat, aber nicht in Österreich - kann ich mir nicht vorstellen. Aber auch hier findet eine Art von Entwicklung statt.

P. S.: simplicius simplicissimus - hat sogar einen Verbindungspunkt zum Forumsthema. Er flieht aus einem Militärlager und nimmt irrtümlich statt einem Männer ein Frauenkleid mit. Als er sich umgezogen hat, rekrutiert ihn eine Gräfin als ihre Zofe...

LG. Peter.

Offline Skirtedman

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Ja, ich hatte auch nie das Gefühl etwas falsches zu tun, aber ich lese das hier erstaunlich oft im Forum. Tja, so hat wohl jeder seine Sorgen und Ängste.

Oh doch!

Dieses Gefühl, etwas falsches zu machen, durchzog mich gut 15 Jahre.
Sogar das Gefühl, etwas verbotenes zu tun!
Wenn auch nicht juristisch verboten, aber gesellschaftlich, anklagender ausgedrückt: normativ verbotenes zu tun.

Und ja, ich habe längere Zeit gebraucht, wenn ich von irgendwoher ein Tatütata gehört habe, mir nicht vorzustellen, das lärmende Auto sei gerade auf dem Weg zu mir.

Und anfangs habe ich die Luft angehalten, wenn ich umherstreifenden Polizisten (also auf Streife) begegnet bin.

Und tatsächlich, es ist mal ein Polizeiauto angehalten, weil ich da stand in einem Rock. Ich wartete, dass die Telefonzelle frei wird, weil ich eine Adresse nicht gefunden habe. Das wird 93 gewesen sein. Zwei Polizeibeamte kamen und machten eine unbegründete Personenkontrolle ("Was machen Sie hier?"). Nur weil ich dastand im Rock. Paar Meter weiter stand dann noch mein Auto, umgeklappte Rückbank, voll mit Postkisten und adressierter, aber unfrankierter Briefe. Zu diesem begleiteten mich die Polizeibeamten, weil wohl dort mein Ausweis sich befand, und ich musste ihnen alles erklären. Verdachtlose Personenkontrolle, nur weil ich da rumstand im Rock.

Das hinterlässt schon in einem ein besonderes Gefühl.

Aber nach und nach wurde ich immer froher, wenn ich inmitten der Öffentlichkeit direkt an umherstreifenden Polizisten vorbeigehen konnte, und den Passanten zeigen konnte: "Guckt, es ist nicht verboten, als Mann im Rock umherzulaufen!"

Doch das Gefühl, etwas gesellschaftlich Geächtetes zu tun, das konnte ich erst nach 1 bis 2 Jahrzehnten so wirklich restlos ablegen.

Offline Yoshi

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Die Erfahrung mit der Polizei, die du beschreibst, Wolfgang, höre ich auch öfter aus der queeren Szene. Es gibt durchaus queerfeindliche Polizisten (ebenso wie rassistische Polizisten), die anhand von Merkmalen Personenkontrollen durchführen, von denen einiges als Schikane und Provokation gedeutet werden kann. Man darf ja auch nicht vergessen, dass Polizisten jahrzehntelang Homosexuelle verfolgt haben (§175). In der queeren Szene gibt es immer noch starke Vorbehalte gegenüber der Polizei, aber die Polizei arbeitet in den letzten Jahren sehr an ihrem Image (z. B. queere Aufklärung für Polizei-Auszubildende und Queerbeauftrage in den Polizeistationen). Viele Opfer queerfeindlicher Gewalt zeigen die Straftaten leider immer noch nicht an, weil sie der Polizei nicht trauen.

Es kommt auch nicht von ungefähr, dass man Menschen mit mehr "Macht" emotional anders begegnet. Als ich anfing meine Röcke auf der Arbeit zu tragen, hatte ich keine Sorgen wegen meiner Kolleg*innen, die allesamt positiv reagierten, sondern eher wegen der Leitung. Meine Leitung sagte kein Wort dazu, obwohl sie manchmal sehr taxierend meine Röcke musterte und sie normalerweise meine bunten Pullover sowie meinen Nagellack positiv kommentierte. Dieses für mich ungewohnte ausbleibende Kommentieren ihrerseits verunsicherte mich und wenn sie mal nicht im Haus war, merkte ich, dass ich bei meinen Rockdesigns mehr wagte als sonst. Bei meiner nachfolgenden Stelle blieb das Kommentieren seitens der Leitungen ebenfalls aus. Jedes Mal, wenn man mich in das Büro rief, um etwas zu besprechen, dachte ich, es könnte wegen meines Kleidungsstils sein, aber es ging letztendlich um pädagogische Themen. Irgendwann kam doch der Tag, nachdem sich einige Eltern über meine Röcke beschwerten, dass das Gespräch tatsächlich stattfand und beide Leitung äußerten sich unterstützend.

Was ich damit sagen will: Der Rang einer Person macht schon einen Unterschied und ich kann verstehen, wenn man Ängste vor Polizist*innen hat. In den meisten Fällen unbegründet, aber so wie es leider Racial Profiling gibt, gibt es sowas auch gegen queere und "queer-gelesene" Menschen.

Offline MAS

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Ja, ich hatte auch nie das Gefühl etwas falsches zu tun, aber ich lese das hier erstaunlich oft im Forum. Tja, so hat wohl jeder seine Sorgen und Ängste.

Oh doch!

Dieses Gefühl, etwas falsches zu machen, durchzog mich gut 15 Jahre.
Sogar das Gefühl, etwas verbotenes zu tun!
Wenn auch nicht juristisch verboten, aber gesellschaftlich, anklagender ausgedrückt: normativ verbotenes zu tun.

Etwas kann verboten, aber trotzdem richtig sein. Oder erlaubt, aber trotzdem falsch.

Und so gesehen, hatte ich zwar manchmal das Gefühl, etwas verbotenes zu tun, aber nie, etwas falsches zu tun.

LG, Micha
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Online GregorM

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Zwei Polizeibeamte kamen und machten eine unbegründete Personenkontrolle ("Was machen Sie hier?"). Nur weil ich dastand im Rock. Paar Meter weiter stand dann noch mein Auto, umgeklappte Rückbank, voll mit Postkisten und adressierter, aber unfrankierter Briefe. Zu diesem begleiteten mich die Polizeibeamten, weil wohl dort mein Ausweis sich befand, und ich musste ihnen alles erklären. Verdachtlose Personenkontrolle, nur weil ich da rumstand im Rock.

Eine unbegründete Polizeikontrolle wäre bei uns verboten. Ausnahmen sind in sogenannten Visitationszonen, die (sehr selten) in klar definierten Bezirken für eine begrenzte Zeit eingeführt werden dürfen, typisch wo es Bandenkriminalität gibt. Wirst du von einem Polizeibeamten gefragt, muss er/sie es begründen können, also dass er/sie einen Verdacht haben könnte, ...
Und es kann ihm oder ihr viel Ärger machen, falls die Begründung zweifelhaft ist.

Wir haben auch keinen Personalausweis, nur einen Reisepass und nur zu verwenden, wenn wir ins Ausland fahren. Am nächsten eines Personalausweises kommt unsere Krankensicherungskarte - ohne Bild. Sie gillt als Legitimation, aber wir müssen uns nicht legitimieren können, wenn wir einfach zu Fuß oder auf dem Fahrrad unterwegs sind..

 
Gruß
Gregor

Offline Albis

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...der Versuch, das Rocktragen zu literarisieren. Das ist doch DIE Idee! Wenn wir hier alle unsere Erfahrungen, insbesondere unsere ersten Schritte im Rock, in ein Buch schreiben, könnte das vielleicht den einen oder anderen, der unser Forum noch nicht gefunden hat, entsprechend ermutigen. Holgers Buch "Rock am Mann" ist ja eher wissenschaftlich-rational. Was fehlt, ist noch ein Buch, das die Emotionen anspricht. Oder kennt jemand eins?

Das Gefühl, etwas verbotenes zu tun, wenn ich Rock unterwegs bin, kenne ich natürlich auch. Die Stärke dieses Gefühl hängt auch ein bisschen davon ab, welchen Rock ich anhabe. Aber das Gefühl wird im Laufe der Zeit weniger.

LG, Albis


 

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