Autor Thema: wo kämen wir hin  (Gelesen 563 mal)

Offline cephalus

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wo kämen wir hin
« am: 19.06.2024 15:47 »
Heute, gerade eben.

Neuer Kollege, Bürokaufmann, Anfang 40, Stoffhose, weißes Hemd, 30°.

Wir führen einen Kennenlernsmalltalk bei Kaffee.

Eine Erzieherin kommt vorbei, knielange Leggings, Schlappen, Trägertop.

N.K. verdreht die Augen.
N.K verdreht die Augen noch mehr, als eine weitere, sehr beleibte Kollegin kurz hallo sagt. Sie trägt ein sehr kurzes Kleid mit tiefem Ausschnitt.

Irgendwie habe ich das Gefühl, n.K. will etwas loswerden, findet aber die geeignete Formulierung nicht.

Wenig später schüttelt uns ein Erzieher die Hand und stellt sich  vor.

N.K. ist sprachlos.

Gefühlt 50 Ohrringe, Nasenring, Rastalocken, bunte Haremshose, Trägershirt und jede Menge Armbänder scheinen zu viel zu sein für ihn.

Er lenkt das Gespräch ziemlich unvermittelt auf Klamotten und Dresscode.

Ich sage ihm, dass er sein Hemd gerne gegen ein T-Shirt tauschen kann, und dass sonst jeder zweckmäßig und bequem für seine Arbeit gekleidet kommen kann, so wie es einem gefällt.

“Und dann laufen die Leute so rum? Das geht aber schon zu weit!
Wenn jeder rummlaufen würde wie er möchte, wo kämen wir da hin?”

Die Frage war rhetorisch, mit (m)einer Antwort hat er nicht gerechnet:

“Zu einer freieren, zufriedeneren, bunteren und selbstbestimmten Gesellschaft!”

Kurz darauf verabschiedet sich n.K. wortkarg.

Ich glaube, wir werden keine Freunde und ob er dauerhaft zum Unternehmen passt, ist wohl fraglich.

Spätestens wenn er mitbekommt, dass ich auch Röcke trage,  springt er schreiend aus dem Fenster  ;D

Offline hirti

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Antw:wo kämen wir hin
« Antwort #1 am: 19.06.2024 16:12 »
Hehe... witzige Geschichte!
Ich finde es immer besonders amüsant, wenn jemand etwas derartiges von sich gibt der keine Idee hat, was du wirklich denkst und wie du dich kleidest.
Diejenigen die das wissen, werden sich wohl eher hüten, über schlechte Kleidungsstile abzulästern.

Bei mir brodelt es dann so heimlich in mir, während ich dem Gegenüber geduldig zuhöre damit ich seine ganzen Gedanken erfahre... ehe ich ihm dann meistens sehr nett, aber deutlich sage dass meine Kleidungs-Vorstellungen ein klein wenig anders sind.

Ich denke, über die Jahre haben wir gelernt, für unseren Kleidungsstil einzustehen, und trotz diversester Rückschläge auch dafür einzustehen. Da ist die eigene Reaktion dann meist noch viel deutlicher als bei "normalen Menschen" die bestimmt auch frustriert sind wenn jemand ihren Lieblings-Kleidungsstil beleidigt, aber es selten so deutlich zum Ausdruck bringen.
Deine Antwort finde ich sehr passend.

Ich freue mich jedenfalls schon darauf, von dir zu hören, wie der Kollege auf dich im Rock reagiert hat, wenn du's auch in der Firma auch mal nicht lassen konntest. (oder am Firmenfest oder ... )

Offline MAS

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Antw:wo kämen wir hin
« Antwort #2 am: 19.06.2024 22:36 »
Ich finde die Antwort auch sehr schön, lieber Cephalus, und hege die Hoffnung, dass der N.K. sich eingeladen fühlt in die von Dir beschriebene Gesellschaft.  :)

LG, Micha
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Offline Yoshi

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Antw:wo kämen wir hin
« Antwort #3 am: 19.06.2024 23:18 »
Man sieht halt an dem Beispiel ganz gut, wie schnell Menschen aufgrund ihres Äußerem in Schubladen gesteckt werden oder Abneigungen hervorrufen können. Mir ist das als Erzieher nicht unbekannt, dass es Beschwerden über das Erscheinungsbild gibt. Da rede ich noch nicht mal von mir als Rock tragenden Mann, sondern es gab schon unzählige Beschwerden gegen Kolleg*innen, seitdem ich als Erzieher arbeite.

Einmal haben wir sogar einen Elternabend veranstaltet, weil sich ein Teil der Elternschaft über unser Erscheinungsbild beschwerten. Da ging es um eine Kollegin, die lange aufgeklebte Nägel trug und um einen Kollegen, der Mützen in geschlossenen Räumen anhatte. Das war damals ein ziemlich übler Beschwerdebrief. Beim Elternabend selbst hatten diese Eltern nicht den Mumm und waren mucksmäuschenstill. Wir haben nur die Dresscode-Forderungen vorgelesen und der Großteil der Elternschaft regte sich lautstark über die Intoleranz der anonymen Querulanten auf. Nur einer der Verfasser traute sich dann doch: Er hätte nämlich "Angst", dass sein Sohn jetzt auch Zuhause in der Wohnung Mützen tragen will wie sein Erzieher. Der wurde dann von den anderen Eltern niedergebrüllt, die ihn auf freie Persönlichkeitsentfaltung hinwiesen.

Ich hatte mal eine Kollegin, die wurde von einem Vater blöd angemacht, weil sie tätowiert war. An den genauen Wortlaut kann ich mich nicht mehr erinnern, aber es lief darauf hinaus, dass er sowas hässlich findet und es seiner Meinung nach verboten werden sollte.

Wir hatten auch mal eine Praktikantin, die ebenfalls viele Ohrringe hatte, jeweils ein Nasen- und ein Mundpiercing sowie Rastalocken. Die Eltern beschwerten sich, dass sie keine Drogenabhängige bei den Kindern haben wollen. Einmal putzte sie sich nach dem Toilettengang die Nase im Bad, weil sie leichten Schnupfen hatte und wurde nach dem Rausgehen abgefangen. Man beschimpfte sie, dass sie ihre Drogen doch Zuhause nehmen soll und nicht heimlich auf dem Klo während der Arbeitszeit.

Das mal als einige Beispiele, womit sich Erzieher rumärgern müssen. Was über mich als Rock- und Nagellackträger geäußert wurde, habe ich ja schon an anderen Stellen kundgetan.

Wir sind gesellschaftlich noch weit davon entfernt, dass jeder tragen kann, was er bzw. sie möchte.


Offline JJSW

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Antw:wo kämen wir hin
« Antwort #4 am: 19.06.2024 23:20 »
Ja, wo kämen wir denn da hin?
Genau, da wo ich auch schon immer hin will  :)

Hallo Cephalus
Tolle Geschichte, vielen Dank fürs Berichten, Deine Antwort ist einfach genial.  👍😊

Bin mal gespannt ob es 'ne Fortsetzung mit dem N.K. gibt  ;)

Grüßle
Jürgen
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und genießt das Röcketragen

Offline Albis

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Antw:wo kämen wir hin
« Antwort #5 am: 20.06.2024 20:44 »
Danke für die Geschichte, Cephalus. Allerdings weiß ich nicht, ob ich sie lustig oder doch eher erschreckend finden soll, wenn ich lese, was Dein neuer Kollege für Probleme hat. Auf jeden Fall war es super, dass Du ihm schlagfertig die richtige Antwort auf seine rhetorisch gemeinte Frage gegeben hast.

LG, Albis

Offline doppelrock

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o kämen wir hin...
« Antwort #6 am: 20.06.2024 21:13 »
... wenn niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin wir kämen, wenn man ginge. Gehen wir schauen! Kommst du mit?

Bin gespannt auf weitere Kommentare des Neuen Kollegen. Ob er nach der Probezeit bleibt? Oder sich vielleicht öffnet? Alles ist möglich...


 

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