Autor Thema: Eurovision Song Contest 2024  (Gelesen 367 mal)

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Antw:Eurovision Song Contest 2024
« Antwort #15 am: Heute um 01:44 »
Also ich fand Nemo auch musikalisch gut. Das traf aber ungefähr auf 2/3 aller Teilnehmenden zu.

Dennoch stelle ich die These auf, dass queere Menschen größere Chancen auf gute Platzierungen beim ESC haben, als der Durchschnitt. Ich erinnere an Conchita. Das mag daran liegen, dass der ESC vor allem bei der queeren Community sehr beliebt ist und entsprechend viele queere Personen abstimmen.

Auch wenn Nemo sich als nonbinär bezeichnet, so hat er*sie doch einen männlichen Phänotyp. Und somit haben Millionen Zuschauende, die vielleicht nicht so genau hingehört haben, gestern im Fernsehen einen Mann im Rock wahrgenommen. Und das finde ich gut.

LG, Albis

Das ist sachlich durchaus richtig, lieber Albis. Frauen (also biologische) treten kaum mal so nonbinär auf. Mag aber sein, dass es bei Frauen nicht auffällt, wenn sie sich nicht binär identifizieren. Eine recht komplexe Thematik!

LG, Micha

Da gebe ich Dir vollkommen recht, Micha: Eine sehr komplexe Thematik!

Zunächst kann ich Albis so ziemlich in allem, was er schreibt, zustimmen.

Zum anderen aber - und mich freut es total, dass Nemo den ESC gewonnen hat! - finde ich schade, dass erneut diese Botschaft gesetzt wurde: Du musst queer oder trans sein, um als Manngeborener einen Rock tragen zu dürfen!

Wieder die Chance verpasst, als "ganz normaler Mann" einen Rock tragen zu dürfen.

Ja, Micha, ein sehr komplexes Thema. Ich habe heute morgen mich mal durch ein paar andere ESC-Teilnehmer ausschnittsweise durchgezappt. Und ja, ich meine, ich bin auch non-binären Frauen dabei begegnet. Und ja, ich glaube, es gibt auch non-binäre Fraugeborene.

Ich nehme es derzeit in meinem Umfeld wahr, dass es immer "moderner" wird, sich als "bi" zu outen. "Bi" zu sein, ist eine Spielart der Gefühle, hat aber mit "queer-sein" nicht notwendigerweise zu tun. "Bi" zu sein, ist eher die Bestätigung einer "binären" "Geschlechterordnung".

Vielleicht fallen "queere" Frauen in der Tat weniger auf, was vielleicht auch daran liegt, dass Frauen mehr zugestanden wird - auch, dass sie mehr unter der Festlegung ihrer Frauenrolle leiden dürfen als Männer. Vielleicht aber ist der Druck, "queer" zu sein, bei Frauen auch geringer als bei Männern. Und genau hier - unser Kollege man_in_time hat das ähnlich findich schön ausgedrückt - trifft das den Nerv unserer tendenziell aufgeklärten, aber leider männerfeindlichen Gesellschaft.

Zwar leben wir in einer Zeit, wo die Reste des "Patriarchats" noch längst nicht alle beseitigt sind. Ich verstehe auch, dass trotz Emanzipation Frauen oftmals noch immer einer stärkeren Doppelbelastung ausgesetzt sind als Männer, so von wegen Haushalt, eventuell Kinder-Versorgungsarbeit und so. Andererseits halte ich diese Equal-Pay-Day-Thematik, die rund um den Weltfrauentag am 8. März angesiedelt ist, für eher eine Chimäre. Frauen verdienen sonstwie durchschnittlich berechnet vielleicht weniger pro Stunde als Männer, dafür arbeiten sie im Durchschnitt auch eher Teilzeit als Vollzeit. Und ich verstehe, dass eine Teilzeitkraft für ein Unternehmen im Schnitt weniger hochkarätig entlohnt wird als eine Vollzeitkraft.

Und in meinem persönlichen Umfeld sehe ich unter den Spitzenverdienern mehr Frauen als Männer - vielleicht liegt es auch daran, dass ich mehr Frauen als Männer kenne...? Abseits dieser kleinen Einschränkung nehme ich wahr, dass die Frage des Verdienstes kaum merklich oder gar nicht mehr daran geknüpft ist, welchem Geschlecht man angehört. Die noch immer achso patriarchale Gesellschaft ist in meiner Wahrnehmung schon längst Geschichte.

Was treibt heute noch eine Frau dazu, sich als Mann zu fühlen? Die Sehnsucht nach Chancengleichheit kann es glaubich nicht mehr sein. Die Identitätsfrage hat meines Erachtens nichts mit einer noch immer "patriarchalen" Gesellschaft zu tun.

Männer sind Männer, egal zu wem sie sich hingezogen fühlen. Ob "bi" oder "homo", sie sind einfach Männer, da braucht es nix "queeres". Und wer sich als Frau fühlt, der ist halt "trans". "Queer" oder "genderfluid" und all diese Spielarten erscheinen mir - Ausnahmen mag es geben - eher wie eine Flucht weg von den konventionellen Rollenerwartungen.

Und Forumskollege man_in_time hat es scharf, prägnant und vielleicht etwas unempathisch ausgedrückt, aber genau meine Gedankengänge der letzten Tage getroffen. Es mag vielleicht ein paar andere Gründe geben, sich als "queer" zu identifizieren, aber ein Großteil der "Queerness" ist m.M.n. doch ganz einfach, lediglich aus diesen konventionellen Rollenerwartungen auszubrechen.

Und je mehr diese "Queerness-Schiene" bedient wird - ich gönne es jedem, sich auf diese Weise selbst zu finden -, zementiert dies aber jene offensichtliche, jedoch unterhalb der gesellschaftlichen Wahrnehmungsgrenze liegenden Männerfeindlichkeit unserer achso zivilisierten Gesellschaft.

Du darfst Dir als Mann nur bestimmte Facetten von Freiheiten gönnen, um noch als ganzer Mann durchgehen zu können. Frauen haben sehr viel mehr Freiheitsräume in wesentlich mehr Lebensfacetten. Und wehe, Du erlaubst Dir als Mann zu viele Freiheiten auf einer dieser Facetten, oder auf zuvielen Facetten gleichzeitig, dann bist Du disqualifiziert und Du hast nur noch die Chance, dank unserer aufgeklärten liberalen Gesinnung jenseits einer Männerdefinition als "genderfluid" oder "queer" oder "non-binär" Deine Freiheiten auszuleben.

Dieser Auftritt von Nemo beim ESC und die dazu abgegebenen Erklärungen -  z.B. "ich fühle mich weder als Mann noch als Frau" - hat mich ganz besonders in meiner Erkenntnis bestärkt, dass wir Männer noch eine Menge Arbeit vor uns haben, uns zu emanzipieren (man_in_time sieht es so ähnlich).

Ich gönne Nemo und der Schweiz diesen Erfolg. Aber am Ende müssen erst die meisten Männer "queer" sein, ehe wir einfach als Mann auch mal emanzipiert sein dürfen. Und da geht es nicht nur um die Kleidung. Aber die Kleidung gehört ganz wesentlich dazu.

Siehe die Beiträge von man_in_time: 1 (dieser Thread), 2 (anderer Thread)


 

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