Ich danke Dir, lieber Wolfgang, für Deine Ausführungen in diesem und dem "soooo cool"-Thread.
Das ist viel Plausibles ausgesagt. Menschen als Teile von Systemen, denen es um den kollektiven Selbsterhalt in Konkurrenz zu anderen System geht, also Familien, Staaten, Firmen usw., müssen eine Ethik entwickeln, die die eigene Stärke in diesem Konkurrenzkampf fördert und alles bekämpft, was dieser - real oder vermeintlich - entgegenwirkt. Und insofern es um militärische und wirtschaftliche Konkurrenz geht, handelt es sich um militärische und wirtschaftliche Tugenden, die gefördert und gefordert werden und in diesem Sinne Untugenden, die bekämpft werden.
Durchsetzungsfähigkeit - gegenüber der Konkurrenz, aber auch gegenüber den eigenen, davon abweichenden Intentionen - und Reproduktion sind dabei wichtige Parameter. In meinem Essay "Mundus bracatus? Nein danke! Plädoyer wider den Hosenzwang" habe ich den Siegeszug der Hose als Männerkleidung eng mit einer Kriegerethik in Verbindung gesetzt (vgl.
https://dress2kilt.eu/s0123.htm).
Eine wirtschaftliche Kriegerethik wird auch im ÖRR wie eine Selbstverständlichkeit thematisiert. Die Staaten werden immer wieder als miteinander konkurrierende Wirtschaftsstandorte dargestellt. Und jetzt in Folge des Russland-Ukraine-Krieges kommt auch verstärkt eine militärische Kriegerethik wieder zur Sprache. Die Führer der großen und mächtigen Staaten wie USA, VRC und Russland predigen diese Kriegerethik und setzen sie in ihrem jeweiligen Volk mit Brachialgewalt durch. Die predigen also Homo- und Transphobie und treffen dabei bei Menschen, die diese Ethik von klein auf verinnerlicht habe, auf offene Ohren und Herzen.
Obwohl man natürlich nicht monokausal begründen sollte, hast Du einen wichtigen Grund für die Homo- und Transphobie aufgezeigt, Wolfgang.
Ich ziehe daraus den Schluss, dass wir dringend eine neue Ethik brauchen, eine die nicht den Konkurrenzkampf, sondern die Kooperation zum höheren Wert erklärt und anstrebt. Wenn man bedenkt, dass Nationalismus Regionen miteinander verbunden hat, die vorher oft Kriege gegeneinander führten, dann kann man ihn doch weiterdenken in Richtung einer Menschheit, die die verschiedenen Nationen so miteinander vereint, wie vorher verschiedene Regionen zu Nationen vereint wurden. Zu dieser Ethik gehört es aber auch, dass nicht die uniforme Ein- oder Unterordnung in oder unter ein kriegerisches Kollektiv und eine Reproduktion innerhalb dieses Kollektivs das Ziel sein sollte, sondern eine vielfältige Verwirklichung von menschlichem Potential, damit man auch voneinander lernen kann. Die Biologie zeigt vielfach, dass Monokulturen anfälliger für Krankheiten sind. Multikulturen sind da resilienter. Die Weltgemeinschaft muss also eine in sich vielfältige sein, wobei nationale oder ethnisch Unterschiede da mit von der Partie sind, aber auch individuelle Unterschiede. Wichtig dabei ist, dass nicht der Egoismus diese Individuen gegeneinander aufhetzt, sondern dass sie Rücksicht aufeinander nehmen und sich als Gemeinschaft im Blick haben, eine vielfältige, bunte Gemeinschaft, keine uniforme, aber eben kein Nebeneinander von Individuen und Kleinkollektiven, sondern ein Miteinander und Füreinander.
Das ist keine neue Idee, die ich da aufbringe. Menschen haben ihre Ethiken immer wieder neuen Herausforderungen angepasst und weiter entwickelt. Die universalen Ethiken der Universalreligionen sind solche Produkte, als Antwort auf sich verändernde Lebensbedingungen zur Zeit ihrer Entstehung. Und es gab immer wieder Rückentwicklungen.
Jedenfalls ins diese beiden Entwicklungsrichtungen, also die zu einem Miteinander und Füreinander aller Menschen und die zu einem Gegeneinander der Nationen, Firmen, Familien, im Wettstreit miteinander. Ich weiß, welcher Entwicklung ich den Sieg wünsche. Mein Rocktragen mag als Symbol für eine friedliche Welt gesehen werden.
LG, Micha