Begriffe, lieber Bernd, sind perspektiveabhängig. Wenn sich Menschen, die sich geschlechtlich nicht nach ihrem angeborenen körperlichen Geschlecht identifizieren, als "Transpersonen" bezeichnen, mag das für sie stimmig sein.
Wenn ich mir das Wort aber mal genauer ansehe und mit anderen Wörtern, die auch das Präfix "Trans-" haben, vergleiche, dann merke ich hier eine Veränderung der Bedeutung dieses Präfixes. "Gallia Transalpina" bedeutete für die Römer das Gallien jenseits der Alpen (von Italien aus gesehen). Die Transsibirische Eisenbahn fährt bis ans andere Ende von Sibirien, der Trans Canada Highway ans andere Ende von Kanada, der TransEuropExpress fuhr quer durch Europa usw. Eine Transperson ist aber kein Wesen jenseits der Person, ein Transmann kein Mensch jenseits des Mannseins und eine Transfrau kein Mensch jenseits des Frauseins, sondern in diesen Fällen bezeichnet mal Personen, Männer und Frauen, die das, was in ihrer Bezeichnung nicht drin ist, hinter sich gelassen haben. Also Transmänner haben das Frausein hinter sich gelassen, Transfrauen das Mannsein. Aber bei "Transpersonen" passt es wieder nicht, denn sie haben ja nicht das Nicht-Personsein hinter sich gelassen, sondern waren auch vorher Personen und sind es immer noch.
Beim Begriff "Transperson" genau so wie bei "transident" scheint es mir auch so zu sein, als mache das Geschlechtliche das Personsein oder die Identität zu 100% aus. Aber in Wahrheit ist es doch nur ein Teil davon. Eigentlich könnte man auch transident sein, wenn man einen anderen Teil der eigenen Identität wechselt, z.B. die religiöse oder die staatsbürgerliche.
Worauf ich hinauswill: Die Begriffe erklären sich nicht von selbst und haben keinen Sinn aus sich selbst heraus, sondern verdanken sich einer Konvention zwischen Menschen, die sich verabredet haben, sie auf eine bestimmte Weise zu verwenden und mit bestimmten Bedeutungen zu versehen. Begriffskonventionen können aber genau so kritisiert und hinterfragt werden wie Kleidungskonventionen.
Wie du schreibst, Micha: Wir reden über Begriffe, die sich aus Konventionen heraus gebildet haben, über die viele Menschen sich verständigt haben.
Die Begriffe "Trans..." habe ich mir ja nicht selbst ausgedacht; diese sind heute durchaus üblich, und zwar in dem Sinn, wie ich sie oben empfohlen habe:
"Leute, die sich nicht dem Geschlecht zugehörig fühlen, dem sie bei Geburt zugewiesen wurden"
Ich verweise dazu auf den Wikipedia-Artikel:
https://de.wikipedia.org/wiki/TransgeschlechtlichkeitDas Präfix "Trans" wird hier als verkürzte Form von "transgeschlechtliche" oder "transident" verwendet (wo "trans" als Präfix vor "geschlechtlich" oder "Ident(ität)" ja genau die Bedeutung hat, für die du Beispiele angeführt hast, "transalpina", "transsibirisch", ...).
Eine "Transperson" oder "Trans-Person" (mit oder ohne Bindestrich ist mir egal) ist also eine "transgeschlechtliche / transidente Person" (und kein Wesen, das sein Personsein hinter sich gelassen hat).
Die Verwendung insbesondere der Kurzform "trans" statt "transgeschlechtlich" oder "transident" mag verwirrend sein, wenn man es nicht kennt, aber das hat sich nun mal sowohl in der Trans-Community als auch in weiten Teilen der Gesellschaft in diesem Sinn durchgesetzt. Und daher habe ich die Verwendung dieser allgemein üblichen Begriffe empfohlen anstatt eigener Wortschöpfungen wie "Männer mit Identitätsverschiebung", die mindestens genauso erklärungsbedürftig sind und zumindest in weiten Teilen der Trans-Community auf Ablehnung stoßen dürften.
Und ja: Begriffskonventionen dürfen kritisiert und hinterfragt werden. Aber hier sehe ich keinen Grund, die etablierten Begriffe zu vermeiden zugunsten von eigenen Begriffen, die ich eher kritisieren würde.