[...] er dann noch versuchte, auf bestimmte Bibelstellen zu verweisen, habe ich geantwortet, dass man diese anders verstehen müsse, [...]
Woher, lieber Bernd, weiß man denn, wie man eine Bibelstelle oder eine Stelle eines anderen normativ wichtigen Buches verstehen muss? Also nicht kann, als Möglichkeit, sondern muss, als alternativlos einzig richtiges Verständnis.
LG, Micha
[...] Bernd sagte ihm, er müsse die Bibelstellen, auf die er sich bezog, anders verstehen. Alternativ hätte er sagen können, es gebe auch die Möglichkeit, diese Bibelstellen anders zu verstehen. Jedenfalls sagte Bernd ihm nicht, diese Bibelstellen seien unwichtig. Denn dann hätte er den Mann wohl gänzlich vor den Kopf gestoßen. Aber indem Bernd dem Mann klarmachte, dass die Bibel auch für ihn wichtig sei, schuf er eine gemeinsame Wertebasis. Nur geht Bernd damit eben anders um, interpretiert diese Stellen anders und kommt so zu anderen Konsequenzen. Ob der Mann da nun mitgeht oder aber Bernd vorwirft, seinerseits diese Stellen falsch zu interpretieren, ist damit noch nicht gesagt. [...]
Ich weiß gar nicht mehr, was ich da wörtlich zu dem Mann gesagt habe. Für meinen Bericht hier im Forum hatte ich tatsächlich geschwankt, ob ich schreiben solle "dass man diese anders verstehen könne" oder "dass man diese anders verstehen müsse". Ich habe mich dann bewusst für letzteres entschieden.
Grundsätzlich
kann man natürlich fast jede Bibelstelle so oder anders verstehen. Und das ist auch gut so, denn die Bibel nimmt gar nicht für sich in Anspruch, wortwörtlich aus Gottes Mund zu kommen und (in welcher Ursprache auch immer) in jedem Wort und Buchstaben unveränderlich und unfehlbar zu sein. Jeder Bibeltext
muss also interpretiert und in den Kontext seiner Entstehung wie des Textumfelds eingeordnet werden. Wer glaubt, irgendeinen Satz aus der Bibel herausnehmen und ohne seinen ursprünglichen Kontext als unbedingt zu befolgendes Gotteswort hinstellen zu können, der irrt. Es gibt Christ*innen, die das anders sehen. Aber diese Ansicht halte ich für bibelwissenschaftlich klar widerlegt und angesichts der Widersprüche, die das mit sich bringt, auch inhaltlich nicht für verantwortbar. Aber wie genau man nun eine Bibelstelle interpretiert, dafür gibt es selbstverständlich nicht die eine richtige Antwort.
Ich bin wahrlich kein Experte für Theologie oder Bibelwissenschaft, aber ich habe aus diesen Bereichen schon einiges mitbekommen, nicht zuletzt über meine Frau, die sich als promovierte Theologin mit solchen Fragen beschäftigt, Bücher darüber schreibt und Vorträge hält.
Was nun die Bibelstellen angeht, die in der Regel hergezogen werden, um eine Ablehnung von Homosexualität zu begründen, so ist unter heutigen wissenschaftlichen Theolog*innen meines Wissens weitgehend unbestritten, dass diese Bibelstellen sich nicht gegen das richten, was wir heute als gleichgeschlechtliche Liebe zwischen mündigen Menschen bezeichnen würden. Die Vorstellungen von Homosexualität, die in der Bibel abgelehnt werden, haben mehr mit sexueller Ausbeutung zu tun als mit praktizierter Liebe unter gleichrangigen Partner*innen.
Wer nun heute solche Bibelstellen heranzieht, um Homosexuelle zu diskriminieren, kann sich in meinen Augen nicht auf irgendeine verantwortbare Bibelinterpretation berufen. Daneben passt die Ausgrenzung von Menschen und Menschengruppen überhaupt nicht zur sonstigen biblischen Botschaft, weder im ersten - jüdischen - noch im zweiten - christlichen - Testament der Bibel.
Von daher wäre mir die Aussage "man kann diese Bibelstellen zur Homosexualität auch anders verstehen" zu beliebig gewesen, im Sinne von "ich halte Homosexualität für keine Sünde, aber du kannst auch zur gegenteiligen Bewertung kommen und diese mit der Bibel vertreten". Für so uneindeutig und beliebig halte ich insbesondere die christliche Lehre und Botschaft nicht. Gerade weil eine mit der Bibel begründete Ablehnung von Homosexualität so viel Ausgrenzung und Leid bei Betroffenen verursacht hat und weiterhin bewirkt, kann ich nicht akzeptieren, wenn diese These dort propagiert wird, wo ich einen Einfluss darauf habe. Natürlich sind andere Meinungen auch bei Glaubensaussagen zulässig. Aber wo versucht wird, Religion zu missbrauchen, um mit ihr Menschen auszugrenzen und herabzuwürdigen, da werde ich mich vehement dagegen einsetzen. Gerade in unseren moderenen demokratischen Gesellschaften endet mit gutem Grund die Meinungsfreiheit dort, wo sie die Freiheit und Würde von anderen verletzt. Das haben heute zum Glück auch die Kirchen weitgehend akzeptiert (wenn auch leider oft mit Abstrichen, was z.B. die Rechte von Frauen oder auch von queeren Menschen in offiziellen Verlautbarungen gerade auch meiner römisch-katholischen Kirche angeht).