Lieber Forgotten Fsdshion,
woher hast Du Dein Wissen?
Was verstehst Du unter "heutige Form" des Koran?
Unter Khalif Uthman (reg. 644-656 christl. Zeitrechnung, also ca. 22-33 islam. Zeitrechnung) brachte den Koran, der bis dahin aus ungeordneten Einzelblättern bestand, in die heutige Form geordnet nach der Länge der Suren, abgesehen von der 1. Sure, der Eröffnenden, dann aber von der 2. bis zur 114. Sure in abnehmender Länge, wobei in etwa die die Hälfte als in Medina und die andere Hälfte als in Mekka geoffenbart gilt. Diese Form gilt bis heute.
Was die Schrift angeht, so ist die arabische wie die hebräische Schrift ohne die kurzen Vokale geschrieben, besteht also aus Konsonanten und Langvokalen. Das ist auch bis heute normal. Es besteht dadurch eine gewisse Mehrdeutigkeit durch die Möglichkeit, die Kurzvokale und auch diakritische Zeichen wie Zeichen für Doppelkonsonanten, verschieden zu setzen. Man muss also den Gesamttext grob verstehen, um ihn korrekt lesen zu können. Das ist recht schwer zu erlernen.
Die Frage ist nun, wie man das bewertet. Im frühen Islam wurde der Koran hauptsächlich rezitiert, indem man Rezitatoren zuhörte und von ihnen lerne, wie man das macht und den geschriebenen Text als Gedächtnisstütze verwendete. Es kam dadurch aber zu sieben verschiedenen Lesarten. Diese galten fast 1300 Jahre als gleichberechtigt. Theologen sahen dadurch die Möglichkeit, verschiedene Deutungen zu erkunden. Das machte den Islam anpassungsfähig und sicherte seine Aktualität bzw. sein Potential, immer wieder aktuell gelesen zu werden. Wäre der Text eindeutig gewesen, hätte er schnell an Aktualität verloren. So aber konnte er immer wieder mir gesellschaftlichen Entwicklungen in Einklang gebracht werden. Das ist übrigens nicht anders bei der hebräischen Bibel. Mit der griechischen Bibel geht das nicht so leicht.
Über diese Zeit war es, obwohl es seit dem 16. Jh. c.Z. Druckerpressen gab, verboten, den Koran zu drucken. Er durfte nur handschriftlich kopiert werden. Das ist wie bei der jüdischen Thora.
Die erste Druckfassung gab es Anfang des 20. Jh. c.Z. und zwar vollständig durchvokalisiert und diakritisiert. Was war dem voraus gegangen? Seit dem 18./19. Jh. c.Z. begannen europäische Mächte die arabisch-persisch-türkischen an technischer Entwicklung zu überholen. Die Araber, Perser und Türken verloren dadurch ihre Vormachtstellung in Sachen Wissenschaft, Verwaltung, Technik usw. Also versuchte man, von Europa zu lernen, übernahm "westliche" Ideologien wie Nationalismus, Kapitalismus, Sozialismus, schaffte es aber nicht, von Europäern als gleichrangig angesehen zu werden. Vielmehr begannen europäische Mächte, die Welt zu kolonisieren, letztlich, nach dem I. Weltkrieg, auch die islamischen Länder, abgesehen von Persien und einem türkischen Restbestand des zerstörten Osmanischen Reiches. So wurde der Widerstand muslimischer Intellektueller provoziert und sie kamen auf die Idee, in der eigenen Kultur und damit auch Religion das zu suchen und zu finden, was ihnen Stärke, Selbstverstrauen und ein Überlegenheitsgefühl einbrachte. Es war aber nicht mehr die alte Theologie der Wertschätzung der Mehrdeutigkeit, sondern man hatte vom europäischen wissenschaftlichen Denken eine höhere Wertschätzung von Eindeutigkeit übernommen. Damit sank auch die bisherige Toleranz gegenüber verschiedenen Lebensstilen, wie diversen säkularen Lebensweisen und auch wie gegenüber der Homosexualität. Vorher lebten Homosexuelle Menschen in islamischen Kulturen sicherer und tolerierter als in zeitgleichen europäisch-christlichen Ländern. Das Denken der europäischen Aufklärung und der nachfolgenden industriellen Revolution entwickelte eine viel klareres Richtig-Falsch-Denken, als es islamischen Denken bisher Usus war. Aber das wurde von den islamischen Intellektuellen übernommen und in ihre Ideen von islamischer Reform übernommen. Und so meinte man dann auch, den Koran durch Vokalisation und diakritische Zeichen eindeutiger zu machen und nur noch eine Lesart für richtig und wahr zu halten. Auf diesem Stand sind die Muslime, die wir als Islamisten bezeichnen. Sie nehmen den Koran als eindeutige Gebrauchsanleitung für ein korrektes islamisches Leben, ohne jede Toleranz gegenüber Mehrdeutigkeit (Ambiguitätstoleranz).
Und da sind wir heute.
Aber nochmal zurück zu Muhammad. Er übernahm 622 die Führung der neuen Gemeinde in Medina. Und die ihm in Medina (gemäß islamischem Glauben) geoffenbarten Suren enthalten jede Menge juristischer und politischer Inhalte. Vorher, in Mekka, war das nicht so. Die mekkanischen Suren sind viel allgemeiner und grundlegender religiös. Die Übersiedlung nach Medina rettete ihm das Leben. Da war so um die 52 Jahre alt. Wäre er in Mekka getötet worden, hätten wir nur den halben Koran (sofern er überhaupt überliefert worden wäre). Jedenfalls vermitteln die mekkanischen Suren ein anderes Bild als die medinensischen. Dadurch, dass die islamische Gemeinde dazu kam, sich selbst zu verwalten und zu verteidigen und dann auch unter Gebrauch von militärischer Gewalt auszubreiten, bekam der Islam ein ganz anderes Gesicht. Und dennoch interpretierten die meisten Muslime den Koran und auch Muhammad im Sinne einer Verpflichtung zum Frieden. Wobei natürlich "Frieden" ein mehrdeutiger Begriff ist.
Jesus kam nie dazu, eine selbstverwaltete Gemeinde zu leiten. Er blieb in einem Stadium, dass dem mekkanischen von Muhammad ähnlich war. Und er wurde hingerichtet, bevor etwas anderes daraus werden konnte. Das wurde dann aber ab dem 4. Jh. c.Z. daraus: eine Staatsreligion, die ihre Interessen mit Gewalt vertrat.
Insofern sind einfache Vergleiche vom pazifistischen Jesus und kriegerischen Muhammad sehr oberflächlich. Und die gläubigen Christen und Muslime sahen das auch nicht so eindeutig. Die Feindschaft gegenüber "Heiden" z.B. war in beiden Religionen in etwas gleich stark. Die gegenseitige Toleranz war von islamischer Seite größer als von christlicher.
Man muss da also sehr differenziert vorgehen.
Ich weise gerne mal auf zwei Bücher in, die zu lesen ich jedem empfehle, der sich für die Thematik interessiert:
https://www.deutschlandfunk.de/christopher-de-bellaigue-die-islamische-aufklaerung-102.htmlhttps://www.fischerverlage.de/buch/christopher-de-bellaigue-die-islamische-aufklaerung-9783103973549und
https://www.deutschlandfunk.de/der-verlust-der-mehrdeutigkeit-ohne-kulturelle-vielfalt-100.htmlhttps://www.suhrkamp.de/buch/thomas-bauer-die-kultur-der-ambiguitaet-t-9783458710332?utm_source=google.com&utm_medium=ad&utm_campaign=pmax&gad_source=5&gad_campaignid=20199555726&gclid=EAIaIQobChMIp5KvzpjYlQMVl3JBAh3hGRxnEAAYASAAEgLAFvD_BwE LG, Micha