Um irgendwie auch auf vormalige Fragen von Micha einzugehen,
etliche Formulierungen
meines Textes hätten wohl anders gelautet, wenn ich überzeugt wäre, die Regel aus Deuteronomium 22:2 hätte für mich kraft des Wortes unabdingbare Gültigkeit.
Selbst wenn das das Gottes Wort sei, so hat das ein Mensch irgendwie "empfangen", als Gottes Wort empfunden und dann in seinen Worten (die uns normalen Menschen ohne Spezialbildung nur in Übersetzungen vorliegen) niedergeschrieben.
Es gibt bezüglich vieler Religionen die Deutung, nicht die Religion verübe Gewalt an Menschen, sondern was Menschen aus der Religion machten und diese missbräuchten. Etliche Beispiele könnte man nennen: zwanghafte Vollverschleierung von Frauen, Kreuzzüge - um nur mal zwei zu nennen ohne weitere Zusammenhänge.
Ich persönlich bekenne mich übrigens als Katholik und bin einer der ganz wenigen in meinem Umfeld, die nicht aus der Kirche ausgetreten sind. Ich sehe mich aber als Katholik mehr aus einer kulturellen Tradition heraus. Insofern sehe ich durchaus auch kritisch auf Religion, Glaube und Kirche - auch auf meine eigene. Ich verorte Gott eher auf etwas, was religionsübergreifend ist. Oder anders betrachtet, halte ich das Konzept von Gott oder Göttern eher als eine Idee, die von Menschen entwickelt wurde und stehe da nahe an Slothorpes Sichtweisen, die oft (die Idee) dazu benutzt wurde, um das Zusammenleben von Menschen zu erleichtern und oft eben auch Macht auf sie auszuüben und die Macht durch die Verbreitung dieser Idee zu legitimieren.
Wenn ich das Bibelzitat mir anschaue, und das eigentlich mir vermittelte Bild eines christlich verstandenen Gotts anschaue, so fällt es mir schwer, diesen Satz als unverfälschtes Gotteswort zu verstehen (gerade in der vorliegenden modernen "offiziellen" Übersetzung) :
Eine Frau soll nicht die Ausrüstung eines Mannes tragen und ein Mann soll kein Frauenkleid anziehen; denn jeder, der das tut, ist dem HERRN, deinem Gott, ein Gräuel.
Naja, die andere kursierende Übersetzung klingt auch nicht sehr viel milder:
Eine Frau soll keine Männerkleidung tragen, und ein Mann soll keine Frauenkleidung tragen, denn der HERR, dein Gott, verabscheut jeden, der so etwas tut.
Ich denke, der Gräuel bzw. die Abscheu, wenn sich ein Mensch als ein anderes Geschlecht zu erkennen gibt als er angehört - und das dürfte in erster Linie damit gemeint sein, und selbst wenn es differenzierter gemeint wäre - kommt nicht von Gott, sondern wird Gott zugeschrieben, um eben den Menschen zu erzählen, dass sie das bitte unterlassen sollen. Und was steckt dahinter?
Prinzipiell eben steckt die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen dahinter. Wobei diese Ungleichbehandlung eher aus Gentlemen-Sicht zu deuten ist als aus feministischer Sicht. Denken wir uns vor allem in die früheren Zeiten. Was wäre, wenn ein Mann getarnt als Frau daherkäme und schlechtes im Schilde führen würde? Als Frauenerscheinung würde er in den Genuss von mehr Milde kommen, könnte sich unbemerkt wohin einschleichen, was er in Männererscheinung nicht so gekonnt hätte, weil ihm per se schon als Mann mehr misstraut worden wäre, ob er denn wirklich nur Gutes in seiner Absicht hätte. "Frauen und Kinder zuerst!" zeugt noch von dieser Ungleichbehandlung, die ausdrückt, dass man Frauen (und Kindern) in der Regel mehr Milde im alltäglichen Umgang zukommen gelassen hat als Männern. Ja, der Aspekt, sich unbemerkt unterzumogeln, um Schlechtes auszuüben, steckt mit in dieser Idee des obigen Bibelzitats.
Den anderen Aspekt hat Slothorpe oder irgendwer ja schon m.M.n. zutreffend dargestellt: Natürlich ging es bei Sippen, Stämmen, Städten, irgendwelchen Reichen (Plural von Reich), Staaten, Glaubensgemeinschaften, Religionen - und geht es auch heute oft noch - darum, Nachwuchs zu bekommen und möglichst sogar noch "aus eigener Kraft" zu wachsen, langfristig gesehen. Darum ist auch heute noch in Staaten mit vermehrt autoritären Strukturen es verpönt, alles was die Reproduktions- und Wachstumskraft der eigenen Bevölkerung schaden könnte, also rein zahlenmässig im Endprodukt.
Man muss es klar benennen: es sind interessengeleitete Bestrebungen, die darauf abzielen, die Rollen von Männern und Frauen klar zu trennen, und eine Vermischung der Rollen zu verhindern - hier speziell eben gemeint, dass eine Frau als Frau leben soll, ein Mann als Mann, und bitte fleissig Kinder zeugen, alles andere schmälert die Reproduktionsrate.
Und genau so interessensgeleitet muss auch das obige Bibelzitat verstanden werden. Mir fällt es schwer zu glauben, Gott habe das befohlen. Es entstammt eben den menschlichen Machtinteressen bzgl. der Erhaltung, der Stärkung der eigenen Art. Nicht zuletzt, war ja jeder Mann gefragt, u.U. die Stadt, das Territorium gegen Feinde zu verteidigen (oder zu vergrößern). Und jede Frau war gefragt, Nachwuchs auszutragen, um auch in Zukunft wehrhaft oder wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Und aus diesen Machtinteressen heraus wurde die damit verbundene Absicht formuliert und der Idee Gott zugeschrieben.
Natürlich kann man sich heute fragen, welche Bedeutung dieses Bestreben in unserer modernen Zeit, in unserem eigenen Land noch hat, ob es modernere Sichtweisen geben kann, und wenn ja oder nein, in welcher Weise dies sich auf welche Aspekte unseres Zusammenlebens auswirkt.
Als Cis-Mann mit Rockgelüsten müsste ich da eigentlich fein raus sein, denn mein Rock könnte allenfalls nur als "zersetzend" gedeutet werden, was er aber de facto nicht ist. Schwieriger wird es, wenn sich jemand sichtbar gegen die "Reproduktions-Maschinerie" widersetzt, wenn z.B. ein Mann sich als Frau fühlt oder umgekehrt. Dazu bedarf es mehr Deutungen, um ein von Gegnern vermutetes "zersetzendes Verhalten" zu entkräften. Eine moderne Gesellschaft - so meine Hoffnung - sollte dazu in der Lage sein.
Modern betrachtet gibt es m.M.n. sehr viele andere Ebenen, die als gesellschaftlich produktiv (produktiv, nicht reproduktiv) wirksam angesehen werden können, die im Endeffekt sogar reproduktiv sich auswirken können, eben nicht direkt, sondern indirekt, also durchaus jenseits von "Du bist ein Mann, also verhalte Dich auch wie ein Mann. Du bist eine Frau, also verhalte Dich auch wie eine Frau."
Was ich damit meine, möchte ich nur ansatzweise auf diese Art noch formulieren:
Eine Gesellschaft, in der sich die Mitglieder wohl fühlen, ist produktiver (und am Ende auch reproduktiver) als eine Gesellschaft, die unter auferlegten Zwängen versucht zu funktionieren.