Autor Thema: Rock zum Wohlfühlen oder beim Wohlfühlen?  (Gelesen 8006 mal)

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Antw:Rock zum Wohlfühlen oder beim Wohlfühlen?
« Antwort #30 am: Heute um 00:30 »
Zu der Geschichte von Jens:

Ja, es gibt Momente, in denen eine Hose unschlagbar praktisch ist.

Es gibt auch Momente, in denen eine Regenjacke unschlagbar praktisch ist und wir uns eine Kapuze aufsetzen und sie fest zuschnüren. Wobei in den meisten Momenten diese Kapuze so auf dem Kopf unsäglich unpraktisch ist.
Dass Männer nur Hosen tragen, ist weder körperlich noch geistig gesund.
Wie tief muss der psychische Knacks wohl sein, dass Männer sich nicht endlich auch mehr Freiheiten gönnen!?

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Antw:Rock zum Wohlfühlen oder beim Wohlfühlen?
« Antwort #31 am: Heute um 01:22 »
Mich stimmen die Schilderungen von Cephalus und von Jens froh. Und ja, auch mir wird Bewunderung zuteil, auch mir wird oft Selbstbewusstsein unterstellt. Was ich auch sicherlich deutlich hinzugewonnen habe, wenn ich es mit meiner früheren hosendominierten Zeit vergleiche.

Jedoch stimmt mich die Diskussion von Micha mit seinem erwähnten Freund traurig. Denn sie offenbart einige Denkschmata, mit denen ich vereinzelt immer mal wieder in Berührung gekommen bin in den letzten Jahrzehnten, und die vermutlich weitestgehend noch zumeist unausgesprochen vorherrschen:

A) Ein Mann muss mit Kompetenz überzeugen, kein modischer Schnickschnack soll davon ablenken.

Nach diesem Kernsatz wird im Berufsleben noch immer weitreichend agiert. Dieser Kernsatz neben ein paar ähnlichen wird auch unter der Hand vor allem in höheren Hierarchieebenen gehandelt und verbreitet. Spätestens dort, wo Anzüge vorherrschen, wird Individualismus im Erscheinungsbild drastisch reduziert und sich einer Art ziviler Uniform untergeordnet.

Zwischenfrage: Warum gilt das nicht auch für Frauen?
Zwischenruf von mir: Obwohl wir seit fünfzig Jahren von der Gleichberechtigung der Frauen zu den Männern reden und sicherlich sehr, sehr vieles erreicht worden ist, ist aber doch ganz viel noch immer in eigentlich überkommenen Schemen stecken geblieben.

B) Es reicht nicht, wenn eine Frau mit Kompetenz überzeugt; von einer Frau wird erwartet, dass sie zusätzlich noch ein Schmuckstück ist.

Dieses Denkschema begegnete mir immer wieder. Wer sich diesen Kernsatz genauer ansieht, muss zu dem Ergebnis kommen, dass Frauen demnach noch immer unter enormen Druck stehen, optisch zu gefallen. Das schließt das ein, was wir Rockträger uns womöglich wünschen: mehr Ausdrucksmöglichkeiten, mehr Wahlfreiheiten - aber für Frauen bedeutet dies, unentwegt sich optisch herauszuputzen.
Mich brachte die Aussage einer nahestehenden Freundin einer meiner Ex-Freundinnen fast zur Weißglut (und bringt es eigentlich heute noch, obwohl dies bald 20 Jahre her ist): "Ihr Männer dürft Anzug tragen." So spitzte sie genau dieses Denkschema zu, und berichtete von der Not, Haare, Makeup usw. und die richtige Ausschnittgröße für den jeweiligen Anlass abzustimmen. Es klang Neid aus ihren Worten, dass Männer sich einfach hinter formalen, fast uniformierten Standards verstecken können.

Wenn der Kernsatz B) noch immer sehr wirksam ist, dann ist das Zusammenarbeiten von Mann und Frau wohl noch immer extrem sexualisiert. Vielleicht darf man das so nicht mehr aussprechen, aber im Grunde wäre das noch immer sehr, sehr weit am Anfang von jeglicher Gleichstellung von Mann und Frau.

Hm. Und ja, wenn man beobachtet, da scheint ja wohl der Hase im Pfeffer zu liegen. Denn, warum laufen denn die Männer noch immer nach all den Jahrzehnten nur in Hosen herum? Es sind tatsächlich wohl Prinzipien am wirken, die noch immer mehr sexualisieren als jeglicher Gleichberechtigungsaufruf eigentlich gestatten dürfte.

Ich, als derjenige, der sich in seiner Kleidungswahl beeinträchtigt sieht, wenn man mir die Hosenkleidung aufgrund meines Geschlechts zuschreiben wollte, ich sehe mich darin benachteiligt und somit als diskriminiert aufgrund meines Geschlechts. Frauen mit dem Denkansatz gemäß B) interpretieren das anders, dass sie eben benachteiligt sind aufgrund ihres Geschlechts.

Und ich glaube A) und B) sind zwei tiefsitzende Denkschemata, die vom Berufsleben bis weit in die private Sphäre hinein tief festsitzen und letztlich blockieren, dass sich irgendetwas daran ändert.


Demgegenüber sind eben die Schilderungen von Cephalus und Jens durchaus Lichtblicke (und ich bin bei meinem Lichtblick ja auch schon ziemlich gut angekommen), die zeigen, wie ein ewiges Verharren auf verkrustete Denkschamata aufgebrochen werden kann. Und ja, Micha mit seiner Präsenz im Rock im Arbeitsleben ist ja auch ein leuchtendes Beispiel, das er auch gerade an junge Erwachsene als Impuls weitergeben kann.

Ja, ihr habt recht: die Gewöhnung an zunächst ungewohnte Ausdrucksformen ist möglich. Vielleicht haben selbst wir den Punk, die Dark Gothics, die Rocker oder Lack und Leder oder was auch immer bis heute noch nicht ästhetisch gutgeheißen, aber ein bisschen haben wir uns doch an alles auch gewöhnen können. Und so geht es anderen Leuten auch, die Männer in Röcken nicht unbedingt gutheißen, aber die Gewöhnung macht das Maß der Akzeptanz.

Darum komme ich auch hier wieder nach all Euren Geschichten erneut zu dem Ergebnis, dass es wichtig ist, dass wir sichtbar sind und uns nicht zuhause hinter Mauern verstecken. Nur so kann Gewöhnung geschehen.

Man muss nicht stolz darauf sein, sich im Rock auf die Straße zu trauen. Aber man sollte bedauern, wenn man sich nicht im Rock auf die Straße traut. Denn dann bliebe alles beim Alten.
Dass Männer nur Hosen tragen, ist weder körperlich noch geistig gesund.
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