(es folgt Lesestoff für Fastnachtsmuffel)
Meine Mutter konnte mit Englisch nix anfangen. Der Krieg beendete ihre Schullaufbahn und sie hatte kein Englisch gehabt. Auch hatte sie schlechte Erfahrungen gesammelt in den ersten Tagen, als die Amerikaner uns befreit hatten. Drum beklagte sie sich öfters, wenn im Radio vermehrt englischsprachige Lieder liefen. Irgendwann als braver Bub unterstütze ich sie, wenn ein Lied in Englisch kam, schaltete ich mit Kommentar das Radio aus, um es nach zwei Minuten wieder einzuschalten. Ich weiss nicht, wie alt ich war, Grundschulbub oder schon 5. oder 6. Klasse. Die ersten zwei Jahre fiel mir in der Schule übrigens Englisch total leicht: ich musste null dafür lernen.
Irgendwie reichte die Performance der Englischlehrerin, mehr brauchte ich nicht. Das kam wohl aus dem Gefühl heraus.
Früher schon hatte meine Oma mal erstaunt festgestellt, dass ich so gutes Hochdeutsch sprechen würde, woher das käme, von der Schule? Hm. Mir war das gar nicht aufgefallen. Aber ja, scheinbar redeten wir doch eigentlich recht dialektal gefärbt.
In den 60er/70er Jahren kamen recht viele Ministerialangestellte gerade aus dem Raum Trier, mehr Eifelgegend, zu uns in den Stadtteil. Auch gab es auffallend viele Norddeutsche, die sich in den Neubaugebieten angesiedelt haben. Und die Nähe zur Uni, die stark wuchs, brachte auch nochmal Zuzug von sonstwoher. Ich denke, nicht nur durch den Unterricht, sondern wegen dem Zungenschlagmix unter den Mitschülern ergab sich, dass mein Dialekt für den Normalgebrauch mehr verblasste.
Und ich denke, darauf baut sich auch mein "Talent" auf, das Englische zu inhalieren. In den ersten zwei Englischklassen war das für mich wohl einfach nur eine fortgesetzte Variante von Deutsch.
Trotzdem stand ich nicht so auf englischsprachige Musik. Und während sich der Musikgeschmack meiner Mitschüler schon von dem ihrer Eltern verselbständigt hatte, hatte ich noch keine eigene Meinung dazu. Anders vor allem meine älteste Schwester. Sie wurde bisweilen etwas flügge und zog in Kreise, die nicht nur englischsprachige Musik spielten, sondern auch laut und noch dazu ganz furchtbar: Beat der 70er. Da war ich mit meiner Mutter einer Meinung: Krach.
Da kam es dann auch, als wir Kinder aus dem Gröbsten raus waren, dass meine Eltern mit uns verstärkt kulturell geprägte Urlaub in Italien machten. In den wilden Jahren meiner Eltern, kurz nach ihrer Heirat, sind sie mit der Vespa nach Innsbruck in Urlaub gefahren, angeblich, aber die Postkarten kamen aus Neapel. Diesem Lebensgefühl von damals wollten sie mit uns nachspüren, und das hat auf vielfältige Weise abgefärbt.
Bei englischsprachiger Musik auf den Text zu achten, war mir zu lästig. Bei deutscher Musik aber auch. Da mögen ein paar trolligere Lieder von Reinhard Mey z.B. ein paar Ausnahmen bilden, aber das Liedermachertum der 70er, wo das Wort, oft politisch inspiriert, die wichtigere Botschaft war als der Gesamtklang, war mir alles zu anstrengend. Musik ist für mich etwas begleitendes, was schön daher kommen muss, Musik soll - außer zum Tanzen - nicht den Großteil der Aufmerksamkeit binden für mich. Das war dann mit italienischer Musik etwas anders. Der Klang der Sprache transportierte Lebensgefühl, das nach Urlaub roch. Zwar achte ich bei italienischsprachiger Musik auch nur begrenzt auf die Texte, aber doch schon deutlich mehr. Italienischkenntnisse habe ich überwiegend durchs Radiohören erlangt. Das Radio hatte ich von Anfang an dabei. Während in Deutschland Legislaturperioden hinweg Privatradio blockiert wurde, gab es in Italien eine absolute Radiovielfalt. Alleine Florenz hatte über 30 Radiosender, und aus dem Umland nochmals so viele. Bei der Anzahl der Radiostationen in Rom brauchte man gar nicht erst anfangen nachzuzählen.
All das verkörperte, dass mein sich auf die Flügel machender eigener Musikgeschmack sehr sich auf die populäre italienische "Hitpereed" konzentrierte. Das war für mich quasi das Gegengewicht zur englischsprachigen Musik.
Das erweiterte sich, als auch die Deutschen anfingen, in der eigenen Sprache populärfähige Musik zu machen: die Neue Deutsche Welle. Da war dann für mich der Text etwas wichtiger, weil da ja auch zunächst recht viel Blödeleien transportiert wurden (umliegende Gebiete mit eingeschlossen): "I bin do kei Hotel", "Ich muss die Stroßebahn noch krieje", "Hit me with your rhythm stick", "Draa di net um", "Da Da Da", "Die Polizeieieieiei...", "Bruttosozialprodukt" und so weiter.
Auch Dialekte fand ich spannend. Und da wurde ich in Frankfurt bei Saturn-Hansa fündig. Fast ein halbes Stockwerk widmete sich Italien. Da lagen meist Texte bei, die zu analysieren fand ich interessant - dann oftmals auch jenseits von populärem Mainstream: Fabrizio de´Andrei z.B. Oder Pino Daniele, für mich beginnend mit Nero à metà.
Und als ich vom belgischen Fernsehen RTBF die Musikjugendsendung Cocoricocoboy auf TV5 sah, wurde die Pariser Band Gipsy Kings vorgestellt. Wenige Tage später schwang ich mich ins Auto und durchstöberte den fnac in Metz und kam nicht nur mit den Gispy Kings wieder, sondern auch z.B. mit Madame Reichert aus Südfrankreich. Ich musste abends übrigens zu einer Tanzprobe wieder in Mainz sein, die Truppe wäre aufgeschmissen gewesen, wenn ich gefehlt hätte. Madame Reichert singt à capella mit ihrer 80-jährigen Stimme Volksweisen in französisch und provenzalisch/okzitanisch. Texte dabei. Da isses wieder, das Interesse an Dialekten bzw. Sprachen.
Das eröffnete mir ein reiches Bouquet an neuen Musiken. Und überhaupt, nach Metz bin ich noch 12 weitere Male in diesem Jahr auf Eintagestouren in Frankreich gewesen. Wir reden über 1988. Dort auch die Radiolandschaft genossen. Und auch da viele Einflüsse mitbekommen. Ganze Mix-Alben wie "Voilà les Hits 1987" gekauft. Der französische Musikmarkt eröffnet einen ganzen Kontinent, ach was, die ganze Welt. Unglaublich, wieviele spanische Einflüsse dort präsent sind / waren. Aber natürlich auch alles, was aus DOM/TOM kommt oder die ehemaligen Kolonien betrifft: Südsee, Karibik (Zouk), Lambada, Maghreb, Afrika.
Nur mal als Beispiel:
Sappho - Live au Bataclan
Mory Kanté - Yé Ké Yé Ké
Das kannte ich alles schon, auch die Gipsy Kings, bevor das in Deutschland bekannt wurde.
Sogar via Frankreich erschloss sich mir Johnny Clegg mit Juluka bzw. Savuka, der ja dann mit dem Mandela-Hit Asimbonanga auch in Deutschland Welterfolge feierte.
Also: die 80er Jahre, besonders Mitte, Ende, bis Anfang 90er waren für mich ganz wichtige musikalische Jahre, die Wurzeln in den 70ern mit Italien gelegt.
Bis in die 00er Jahre noch sammelte ich Pino Daniele zum Beispiel.
Mit Aufkommen von mp3 und mp3-Playern (mein erster hatte 64 MB, und da hatte der Versender aus Versehen noch einen zweiten mit 128 MB beigelegt) hat sich das bei mir aber nach und nach radikal verändert. Ich hörte auf, Musik zu sammeln. Anfangs dann noch per Torrent. Z.B. aufwendig digitalisiert. Ich habe hier die Infrastruktur, zwei Platten parallel zu digitalisieren. Seit 10 Jahren bin ich zunehmend im Homeoffice. Ich könnte das alles beiläufig machen. Ich habe seitdem noch kein GB digitalisiert. Irgendwie schade. Aber schreibe lieber beiläufig Beiträge für das Forum. Das bindet schon genug meiner Aufmerksamkeit. Und die dessen, der das mal lesen wird.
Jedenfalls ist mein Musikgeschmack ein breiter. Bestimmte Stile kamen dann noch über wichtige Freundinnen mit hinzu. Vor allem frauengemachte Musik, Singer-/Songwriterinnen, dort, wo´s Herz aufgeht. Norwegische Musik sei noch zu erwähnen. Maria Solheim z.B., die ich Kaiserslautern besuchte, oder war´s München. Oder Klezmer, deswegen auch bei Giora Feidman persönlich gewesen. Per Lebensgefühl kam auch das friedliche Techno hinzu. Oder die Kontakte bei Festivals, wo ich an der Berichterstattung mehrere Jahre beteiligt war. Hier zum Beispiel aus wieder Frankreich Bratsch, die Gipsy mit Balkan vermischen. Oder Absint Orkestra, die Balkan mit allerlei anderem verschmelzen. Ja, hier ist eine breite Schnittstelle zu Micha´s Folk.
Aber Hard Rock ist nach wie vor nicht so mein´s.