Autor Thema: Tolerante Reaktionen  (Gelesen 1123 mal)

Offline Zwurg

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Antw:Tolerante Reaktionen
« Antwort #15 am: 12.05.2026 23:20 »
Cephalus und MAS ich beneide euch um euer Umfeld.
Oder um eure persönliche Freiheit.
Da ich seltener Rock trage bekomme ich vor allem in meinem persönlichen Umfeld durchaus negative Rückmeldungen.
Vor allem von sehr alten Freunden.
Da tue ich mir nicht immer leicht.
Den größten Mut erfordert es den eigenen Weg zu gehen

Offline MAS

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Antw:Tolerante Reaktionen
« Antwort #16 am: 12.05.2026 23:40 »
Das tut mir sehr leid, lieber Zwurg.

Wenn Du aber meinst, dass Du negative Reaktionen bekommst, weil Du selten Röcke trägst: Wäre es eine Option öfter Röcke zu tragen? Ich meine, dann sähen die "Freunde", dass es für Dich normal ist und kein Ab-und-zu-mal-auffallen-Wollen.

Aber wie sehen denn diese negativen Reaktionen aus? Was sagen Deine "alten Freunde"?

LG, Micha
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Offline Skirtedman

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Antw:Tolerante Reaktionen
« Antwort #17 am: Gestern um 01:28 »
So ähnlich waren meine Gedanken auch, wie Micha es formuliert hat.

Für mich sind Röcke bzw. Kleider alternativlos. Also gibt es mich auch nur so. Wem das schwerfällt, hat die Wahl, mir aus dem Weg zu gehen. Ich bilde mir ein, dass inzwischen auch jene Menschen mit den größten Vorbehalten das irgendwie akzeptiert haben und mir scheinbar auch keiner aus meinem Umfeld mehr aus dem Weg geht. Auch sehr alte Freunde, die man zwischenzeitlich aus den Augen verloren hatte (Wegzug, Studium, Familie gründen etc., wie es halt so geht, die nur irgendwann mal zunächst vom Hörensagen mitbekamen, dass ich Röcke trage und bestimmt zunächst mehr als verwundert waren), habe ich das Gefühl, dass sie keine Berührungsängste mehr mit mir haben. Demzufolge nehme ich auch aus dem fernen Rand meines Umfeldes schon längst keine negativen Reaktionen mehr wahr.

Aber immerhin hatten die ja mehrere Jahre bis mehrere Jahrzehnte Zeit, sich daran zu gewöhnen. Mein 'Mätzchen' gehört eben zu mir, wie meine Augenbrauen.

Wer mit seinem Rocktragen noch nicht soviel zeitlichen Vorlauf hatte, stößt vielleicht noch auf die verwunderten Leute, die mit bissigen Kommentaren glauben, Dich noch davon abbringen zu können.

Manchmal findet sich verbal mein Bekleidungsverhalten in der Kommunikation wieder - z.B. nennt mich jemand immer mal wieder bei anderen Leuten " ´s Röckche " -, in solchen Fällen erkenne ich aber das Bissige darin nicht, sondern ich halte das für eine liebgemeinte Floskel zum Schmunzeln, so wie man bei jemandem manchmal irgendwelche Typ-typischen Merkmale, z.B. seine Glatze, spaßeshalber verbalisiert.
Dass Männer nur Hosen tragen, ist weder körperlich noch geistig gesund.
Wie tief muss der psychische Knacks wohl sein, dass Männer sich nicht endlich auch mehr Freiheiten gönnen!?

Offline MAS

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Antw:Tolerante Reaktionen
« Antwort #18 am: Gestern um 07:46 »
Was aber diese Menschen, die es ein "Mätzchen" nennen oder Dich "Röckche", lieber Wolfgang, nicht verstanden haben, ist, dass Du eine gesellschaftliche Vorreiterrolle einnimmst. Sie kämen nicht auf die Idee, sich von Dir inspirieren zu lassen und Dein Rocktragen als Befreiung von einer unsinnigen gesellschaftlichen Konvention, Tradition und Gewohnheit anzusehen.

Neulich kamen mir ein paar Jungs entgegen, deren einer, als er mich kurz vor sich sah, sichtbar erschrak und extra einen weiteren Bogen machte, um nicht zu nah an mir vorbei zu gehen. Das war sicher eine unbewusste Reaktion auf einen Reiz, von dem für ihn eine Gefahr ausging. Dieser Junge war so konditioniert und kann nichts dafür. Aber ich befürchte, er wird dieses Konditionierung an seine Kinder weitergeben, wenn sich nicht endlich mal ein grundsätzliches Umdenken auftut. Ich denke, das wird schon noch kommen, aber momentan sind wir noch im Stadium des Mit-unseren-Mätzchen-toleriert-Werdens. Damit lässt es sich zwar leben, aber ganz zufrieden bin ich damit nicht.

LG, Micha
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Offline Skirtedman

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Antw:Tolerante Reaktionen
« Antwort #19 am: Gestern um 11:54 »
Der eine Junge von neulich aus Deiner geschilderten Begegnung wird vermutlich das an seine Kinder, speziell seinen Sohn weitergeben, oder auch sonst seine ablehnende Grundhaltung an seine Umgebung weitergeben und andere Menschen damit beeinflussen, die dafür empfänglich sind.

So, wie ein anderer Junge, der Dir momentan aufgeschlossen gegenübersteht, ggf. mit seiner offenen Grundhaltung andere erreichen kann bishin zu seinen späteren Kindern (eventuell).

Ich kann nun schwer einschätzen, was Du in Deinem Zusammenhang mit "paar Jungs" meinst, also in welchem Alter die waren. Falls unter 12, dann hat er sich wirklich schwergetan mit Deiner für ihn überraschenden Erscheininungsweise. Falls aber älter - und je älter solche Jungs sind - desto eher wahrscheinlich ist es, dass dieses Dir-ganz-sichtlich-aus-dem-Weg-Gehen eher gespielt war, und entweder wirklich seine Engstirnigkeit zum Ausdruck bringt, oder aber er das eher spaßeshalber vor Dir und/oder vor seinen Kumpels so getan hat. Letzteres ist mir auch schon untergekommen. Jedenfalls übertrieben, überzeichnet.

Die genaue Absicht kann man dann bei einer flüchtigen Begegnung nicht genau erkennen, und wieviel Ernsthaftigkeit dieses Gebahrens dahintersteckt. Egal, wie ernsthaft das gemeint war, signalisiert es doch mehr als nur eine "Überraschung", sondern Dir - vermutlich noch mehr seinen Kumpels -, dass er mit dem, was er mit Dir verbindet, nichts zu tun haben will, eben im wahrsten Sinn des Wortes sich von Dir distanziert. Wenn man, dem das passiert, das in jedem Fall der Fälle nicht schafft, gütlich für sich wegzuschmunzeln, so hinterlässt das freilich ein demütigendes Gefühl. Und so muss das wohl auch sich angefühlt haben, wie man früher in Indien mit der Kaste der Unberührbaren umgegangen ist. Dass alleine der Schatten ausreichte, jemanden "zu beschmutzen".



Mir ist primär egal, ob mich jemand toleriert, akzeptiert oder voll und ganz hinter mir steht. Primär ist mir wichtig, dass ich mein Leben so führen kann, wie es sich für mich richtig anfühlt, ohne mir von anderen sagen zu lassen, was ich besser zu tun hätte. Somit habe ich mein primäres Ziel erreicht.

Freilich würde ich gerne als Botschafter fungieren, um noch mehr Männer in die Röcke zu bringen. Mit Hau-Ruck scheint das aber nicht zu funktionieren. Demgegenüber finde ich es schön, in einer Gemeinschaft mit ähnlichem Interesse - also hier im Forum -, durch meine Schilderungen, Gedanken und Bildern andere Mitinteressenten ein klein wenig zu bestärken, für sich auch an diesem Ziel zu zu streben, anzuziehen, was sie wollen.

Und mit jedem einzelnen von uns, der das Ziel verfolgt, steigt die Zahl derer, die in unserer Gesellschaft sichtbar sind, von diesem ewigen Hosengelübde der Männer Abstand zu nehmen. Das ist viel wichtiger, als jeden männlichen Passanten von unserer Idee überzeugen zu wollen. Denn wenn wir ein paar Alternativmänner sind, so steigt die Zahl derer, die mehr als nur uns einzelnem, sondern auch mal einem anderen von uns begegnen. Nur so kann ein allmähliches breiteres Umdenken in der Bevölkerung gelingen.




Ich weiß, Micha, neben meinem "primären Ziel", quasi einem egoistischen, dass ich ungestört meine Kleidung tragen kann,
empfinde ich auch eine gewisse Ungeduld, dass andere Männer bei mir auf der Straße in meiner Stadt nicht auch irgendwann mal auf die Idee kommen, sich ebenfalls für einen Rock zu entscheiden.

Gefühlt war die Hose für Frauen sehr viel schneller in der Gesellschaft angekommen. Und das Ärgernis, dass wir Männer damals nicht gleichgezogen haben, bleibt. Und das Ärgernis, dass wir Männer so viele Jahrzehnte noch immer nicht in die Puschen kommen, ebenfalls.

Andererseits kamen die ersten Frauen in Hosen so in den 1920er Jahren auf. Wenn man bedenkt, dass erst in den 1960ern in der breiten Gesellschaft die Hose für Frauen ihren Durchbruch feierte, so liegt da die Zeitspanne von 2 Generationen dazwischen. (Eine Generation damals mit 20 bis 25 Jahren gerechnet.) Man bedenke allerdings noch, dass zumindest in Deutschland und Umkreis ggf. ein Jahrzehnt an potentieller Entwicklung ausgefallen ist. Zwar wird zumindest in Deutschland der Mythos hochgehalten, dass das Ende des zweiten Weltkriegs ein maßgeblicher Treiber für die Frau in Hosen war (was in Teilen zwar stimmt), so war aber in den 50ern die Frau in Hosen noch eher verpönt. Also ziehen wir von der Zeitspanne '2 Generationen' noch ein Jahrzehnt 1000-jähriges Reich ab, so landen wir ungefähr bei 1,75 Generationen Zeitspanne, die die Hose an der Frau brauchte, sich zu etablieren.

Vielleicht ist das eine Zeitspanne, die wir auch für den Rock am Mann erwarten müssen.

Wann könnte man denn definieren, dass eine Art Männerrockbewegung entstanden ist?

Also, ich trage seit den 80ern Röcke öffentlich. Bin ich Maßstab? Nein. Ich war damals ein einzelner "Irrer" in den Augen der anderen. Ist ja auch nicht wegzudiskutieren, dass damals zwangsläufig auch noch 'Mann im Rock' unverrückbar mit 'ist schwul' assoziiert wurde. Ausserdem darf man nicht vergessen, dass in den 80ern noch alleine der Verdacht, ein Mann könne homosexuell sein, ausreichte, um Amt- und Würdenträger zurücktreten zu lassen. Damals war kaum vorstellbar, dass heute, 45 Jahre später, schon homosexuelle Männer u.U. als Kanzlerschaftsanwärter gehandelt werden.

Darf man auch nicht vergessen, dass in den 80ern mit dem Ausbruch von AIDS, die schwule Szene exorbitant als gesellschaftlich aussätzig gebrandmarkt wurde. Auch dieses Ablehnungspotential musste der Rock am Mann erst einmal überwinden.

Insofern glaube ich, dass erst nach diesem AIDS-Schock ein Anfang einer 'Männerrockbewegung' eher wirklich im Bereich der Vernetzung per Internet zu suchen ist. Hinzu kam die PEACE-Bewegung der Technoszene, die anders als PEACE in den 80ern nun eher LOVE der 68er (aber mehr im platonischen Sinne) meinte: Party-, Spaß-, Wir-lieben-uns-alle-Gesellschaft, die auch im Bereich rund um Y2K, quasi als fin-du-siècle-Phänomen auf einmal den (Polyester-)Rock am Mann hervorbrachte. Leider nur eine ziemliche Eintagsfliege, aber das fiel in etwa zusammen, als sich weltweit in Foren u.ä. Männer mit Rockambitionen gefunden und vernetzt haben - und gemerkt haben - ich bin nicht der einzige.

Drum können wir vielleicht als den Beginn einer 'Männerrockbewegung' grob das Jahr 2000 festlegen - also rund 75 Jahre nach der Hose an der Frau. Nehmen wir nun die Zeitspanne von 1,75 Generationen, bis der Rock am Mann gesellschaftlich auf einer breiten Basis akzeptiert wird, so sind wir im Moment eben noch mitten im Prozess, den Rock am Mann zu etablieren.

Inzwischen liegt die Generationenabfolge bei 30 Jahren. So kommen wir auf etwa das Jahr 2050, bis der Rock am Mann sich im breiten gesellschaftlichen Konsens etabliert haben wird. Sofern der Rock für den Mann eine ähnliche Entwicklung nimmt wie die Hose für die Frau. Vielleicht geht es auch viel schneller, wenn auch so manche Unbillen der jüngsten Weltgeschichte da nicht primär dafür sprechen.

Aber letztlich liegt es an uns - wir hier im Forum - selbst, zur Akzeptanz / Etablierung mitzuwirken. Weil ohne uns wird 2050 Utopie bleiben. Und mit uns wollen die wenigstens hier mit Sicherheit bis 2050 warten. Ich sagte mir das in den 80ern auch, dass ich nicht warten möchte, bis irgendwelche anderen Menschen für mich den Rock etablieren. Ich habe für mich den Rock etabliert.

Und je mehr das von uns jeder für sich selbst tut, desto eher gelingt es uns auch irgendwann, dahergelaufene Männer oder Jungs davon zu begeistern.
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« Antwort #20 am: Gestern um 13:05 »
B.T.W. möchte ich hier nur kurz noch einflechten...

Ich hatte die Polyesterröcke der Technoszene rund um 2000 angesprochen. Vielleicht erinnern sich ja noch einige von Euch daran. Passendes Bildmaterial, wie die Röcke aussahen, habe ich auf die Schnelle im Internet nicht gefunden.

Dennoch dies:

Beispiel, das die Stimmung bei solch einem Rave wiedergibt:
https://www.onelastpicture.com/wp-content/gallery/25-Jahre-Streetparade/IMG_157720.jpg
Rock, der zumindest von der Form her in die Richtung geht der damals üblichen Röcke:
https://www.walaulta.ch/data/l372_80.jpg

In der Regel waren sie entweder uni, oft helle Farben oder oft in mittelkräftigen Pastellfarben,
oder zumeist mit geometrischen sich wiederholenden Mustern,
schmal geschnitten, knöchellang, wenig bis gar nicht tailliert, Gummizug.
Solche Röcke waren damals auch bei Frauen beliebt.

Das machte es für viele damals einfacher, sich solch einen Rock von der Freundin auszuleihen. Und meistens wurden diese Röcke auch in einem erkennbaren hetero-orientierten Umfeld getragen, als Gegengewicht zur früheren 'Homo'-Verortung von Röcken am Mann.

Solche Röcke habe ich selbst in meiner eher provinziellen Stadt vor allem im Rahmen von Events an Männern gesehen. Vielfach aber im Umfeld von markanten Raves, zwei, drei Jahre z.B. auch bei der Streetparade in Zürich. Oder bei Bildern / Live-Übertragungen der Loveparade.

Ich habe diese Röcke gerne im Alltag getragen. Zu besagten techno-basierten Events hatte ich sie aber nicht an, da hatte ich anderes getragen. Und um abschließend zu diesem Meilenstein der Männerrockgeschichte noch einen passendsten Eindruck zu geben, hier ein neulich aus dieser Gruppe von Röcken reaktivierter beispielhafter Rock an mir selbst: (Typisierung siehe weiter oben im Beitrag)

Bitte einloggen oder registrieren um das Bild zu sehen.

https://up.picr.de/50806162bb.jpg
Beitrag dazu: Link





P.S. (off-topic): Im Zuge der obigen Bildrecherche begegnete mir noch ein anderer Rocktyp an einem Typ im Rock in der Gruppe eines Skiclubs aus Uri bei der Streetparade 2025: Bild (bei Watson.ch)
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« Antwort #21 am: Gestern um 23:22 »
Wie alt der Knabe war, weiß ich nicht, Wolfgang, vielleicht war er um die 12 oder so. Die anderen Jungs schienen etwas älter zu sein, mich aber nicht zu bemerken. Kann sein, dass hinter mit hörte, wie er sie auf mich aufmerksam machte, aber ich war da auch schon wieder weiter und drehte mich nicht um.

Und ja, so zwischen der Zufriedenheit mit meiner privaten Situation als Rockträger nahezu genau so toleriert, respektiert und/oder akzeptiert zu werden wir die hosentragenden Menschen allerlei Geschlechts und der Unzufriedenheit damit, dass die emanzipatorische Seite des männlichen Rocktragend so wenig beachtet und gewürdigt wird.

Wenn Du den Beginn unserer Männerrockbewegung auf ungefähr 2000 ansetzt, ist das die Zeit, in der ich damit anfing in unserer deutschen Öffentlichkeit  Röcke zu tragen. Das war nämlich 1999.

Aber über die weitere Geschwindigkeit der Normalisierung des männlichen Rocktragens wage ich keine Prognosen. 1999 jedenfalls dachte ich, es sei ein Viertel Jahrhundert später sicher ganz normal, dass Männer auch Röcke tragen. Weit gefehlt!   Aber immerhin ist es für mich normal, und für Dich und für einige mehr, was, wie gesagt, auch schön ist!

LG, Micha
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