Ja, ich trage Röcke bzw. Kleider tagtäglich. Sie sind für mich die bedingungslose Alternative zu Hosen in meinem Alltag.
In meinen frühen 20er Jahren kämpfte ein ehemaliger Schulkamerad mit Chemotherapien gegen seinen Hodenkrebs. Das war für mich der Moment zu sagen, dass Röcke nicht nur nett und angenehm sind zu tragen, sondern dass sie fester Bestandteil in meinem Alltag werden sollen. In Hosen fühle ich mich einfach nicht wohl. Und was sich unwohl anfühlt, wird auch nicht zwingend gesund sein. In Hosen fühle ich mich eingeengt und körperlich gemaßregelt, um nicht den Ausdruck von körperlicher Folter verwenden zu müssen.
Ich brauchte von diesem festen Entschluss noch 10, 15 Jahre, bis ich diesen auch völlig umsetzen konnte, um ganz selbstverständlich Röcke statt Hosen in meinem Alltag zu tragen. Ich hab da also lange dran rumgeknabbert, bis ich soweit war, wovon ich lange zuvor nur geträumt hatte. Hosen lehne ich an meinem Körper völlig ab.
Hallo Wolfgang, mich würde mal interessieren wieviele Männer du in deinem Bekanntenkreis schon vom Rock, oder Kleid überzeugen konntest. Ist dein Rock, oder Kleid tragen immer noch ein Gesprächsthema, oder wird es nicht mehr angesprochen, weil man dich ja nicht anders kennt?
Deine Fragen lösen in mir vielschichtige Gedanken aus.
Und die Antworten darauf können auch nur sehr vielschichtig sein.
Immer mal wieder drücken Männer mir aus, dass sie mich beneiden. Darunter auch Fremde. Aber auch manchmal aus meinem Bekanntenkreis. Die Momente, zu denen das passiert, haben oft mit hochsommerlicher Witterung zu tun, aber nicht nur.
Einer sagte mir auch neulich wieder, dass er im Sommer zuhause oft Spaghettiträgerkleider von seiner Frau trägt - wohl auch im Einverständnis von seiner Frau. Ich weiß zwar nicht wie ideal das ist, da seine Frau deutlich kleiner ist als er selbst. Aber: es sei so angenehm, sagt er. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn dazu inspiriert habe. Er sagte mir das erst zwei, drei Jahre, nachdem ich ihn kennengelernt hatte.
Ein anderes Mal fällt mir ein, wo Heinz (hier aus dem Forum) bei einem Treffen mich bat, ihn zu seinem Auto auf ein Parkdeck zu begleiten. Alleine würde er sich es nicht trauen. Also lief ich die 10 Minuten mit ihm rüber zu seinem Auto, dort zog er sich um, und das erste Mal traute er sich, im Rock durch die Öffentlichkeit zu laufen. Später hatte er als Lehrer auch immer wieder Röcke bei seiner Arbeit getragen. Zugegeben, das war bei einem Rocktreffen. Und vermutlich hätte auch Ferdi oder Daniel (PTR) zum Beispiel ihn begleiten können mit sicherlich demselben Ergebnis.
Auch hier im Forum erreichen mich gelegentlich Rückmeldungen, dass ich mit daran beteiligt war, dass sich jemand mit Rock unter die Leute traute. Das - und die Rockertreffen - kann ich durchaus auch zu meinem Bekanntenkreis zählen.
So im echten alltäglichen Leben im Kreise meiner Bekannten habe ich aber nicht das Gefühl, dass ich jemanden schon einmal derart überzeugen konnte, Rock oder Kleid für sich als Mann als Option zu sehen und das auch durchzuführen. Leider. Das stimmt mich schon sehr traurig, um nicht zu sagen grimmig und weckt in mir wieder jene Gedanken im Kopf, die dann mich zu harrschen Worten verleiten, wie in meinem Beitrag vorher geschehen.
Von einem direkten Erfolg kann ich dennoch nahezu stolz berichten, da ein Kumpel extra zu einem der letzten anstehenden Mainz-Treffen mit Leuten aus diesem Forum sich einen Rock im Internet bestellt hat. Frei aus sich heraus. Es war die Zeit, wo wir in einem engeren Freundeskreis immer mal wieder Spaß dran hatten, ein besonderes Farb- oder Muster-Motto für eine Unternehmung auszuloben, und er, der Kumpel, sich da auch oft extra etwas dafür bestellte. Mein Stolz auf Kumpel Dietmar lässt in Bezug auf Rock etwas nach, denn der Rock war im Grunde nur eine Radlerhose mit einem kurzen Überrock als Sichtverblendung. Gefühlsmäßig ist das noch immer eine Hose, nur halt in Rockoptik. Ihm kam es auf die Optik an. Mir kommt es auf den echten körperlichen Vorteil an.
Zudem am Abend des damaligen Treffens radelte er nachts mit diesem Rock noch 30 km nach Hause, nicht mehr völlig nüchtern. Und die letzten 6 km musste er das Rad schieben, weil kaputt. Kaputt auch einiges an Knien, Schultern und so, weil er beim kurzen Abstieg an einer Barrikade zum Radweg mit seinem Rock an der Sattelnase hängengeblieben ist und Mann und Gerät zu Boden gingen.
Er hat vor Ort "das Ding" ausgezogen, schob den Rest in Unterhose das Rad, und hat vermutlich "das Ding" nie wieder angefasst. Vielleicht ist es auch nicht mal mehr mit umgezogen bei seinem zwischenzeitlichen Umzug. So genau wollte ich das bisher noch nicht wissen.
Ja, es ist ziemlich traurig, andere Männer durch mein eigenes Rocktragen zu inspirieren. Schön wäre es. Aber der Mann als solches steckt seit gut 2 Jahrhunderten in seiner Hose fest. Ein Symptom von wahrscheinlich vielen anderen. Es wird Zeit, dass sich da was ändert.
Mein Bekanntenkreis - worunter ich auch Verwandte und Freunde zähle - ist durchaus komplex. Ob und wie es thematisiert wird (mein Rocktragen) ist auch ziemlich komplex. Erwähnter Dietmar z.B. nennt mich in einem engeren Freundeskreis "es Röcksche", was manche inzwischen manchmal übernehmen. Okay, irgendwie hat jeder unter uns so seine zwei, drei Rufnamen, die ihm/ihr irgendwie dauerhaft anlasten. Bei mir ist es eben ein durchgängiges Kleidungsmerkmal.
Besagter Kumpel thematisiert auch immer mal wieder meine Kleidung, auf ganz unterschiedliche Art und mit ganz unterschiedlichen Absichten. Es ist also kein Thema, das einfach unerwähnt bleibt. Es drängt sich immer mal wieder auf, es nicht unerwähnt zu lassen. Auch im besagten Freundeskreis durchaus, zumal da die Mädels (Frauen) überwiegen, und da dann der Fokus oft auf anderen Aspekten liegt, z.B. auf Form, Farbe, Muster, Komfort etc.
Und mein sonstiger Bekanntenkreis ist sehr komplex. Es gibt Abende, da verbringe ich ein Drittel der Zeit, irgendwelchen Frauen um den Hals zu fallen (die Initiative geht meistens von den Frauen aus, auch gestern wieder, obwohl verschwitzt). Und oft weiß ich gar nicht, warum wir uns jetzt um den Hals fallen, oder woher ich sie kenne, wie sie heißt und so weiter. Mit Männern geht es mir oft genauso - da ist die Begrüßung zwar anders, aber auch da begrüßt man sich nicht selten mit Umarmung und gegenseitig auf den Rücken klopfen. Mein Bekanntenkreis besteht aus sehr unterschiedlichen Intensitäten. Zudem kommen da automatisch auch immer wieder neue Leute hinzu. Und so gibt es auch ganz unterschiedliche Bedarfe von Neugier oder Hemmnissen, irgendetwas zur Sprache zu bringen.
Insofern gibt es welche, die meine Kleidung überhaupt nicht (nicht mehr, vielleicht aber auch noch nie) thematisieren. Andere, die die Sprache darauf nicht scheuen. Andere, die sich endlich mal trauen, mit mir darüber zu sprechen. An einem Abend, wo ich geschätzt mindestens 70 Leuten begegne, die ich zu meinem Bekanntenkreis zählen würde, bleibt das Thema 'meine Kleidung' also nie völlig unangesprochen.
Ich bin halt gerne unterwegs. Ich bin gerne unter Leuten. Und ein bisschen hat das auch was damit zu tun, dass ich es für erstrebenswert halte, andere Männer zum Röcketragen zu inspirieren. Zum einen möchte ich nicht als der 'fehlgeleitete Exot' gelten - was ich dadurch untermauere, dass es Leute gibt, die gerne mit mir ihre Zeit verbringen. Zum anderen möchte ich auch optisch präsent sein, um eben quasi 'Beispiel abgegeben' zu können, eben als integriertes Mitglied der Gesellschaft, aber auch überhaupt durch meine Sichtbarkeit.
All das sind Folgen daraus, dass ich ganz bewusst das Röcketragen zu meiner Normalsache, zu meinem Alltag machen wollte. Daraus ergibt sich auch mein großer Bekanntenkreis. Und ja, für die einen ist es Normalität, dass sie es nicht thematisieren müssen, für andere ist es Normalität, dass sie es thematisieren können.
