Eigensinn statt Klischeedenken
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21. Mai 2019 04:33
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Eigensinn statt Klischeedenken

Liebe Leserinnen und Leser,

gehören Sie zu denjenigen, die beim Anblick eines rocktragenden Mannes verblüfft gucken und sich fragen, ob Sie da jetzt einen Schotten oder einen Transvestiten vor sich haben?

Nun, beides wäre möglich, aber lassen Sie es sich gesagt sein: Seit einigen Jahren nimmt in diesem unserem Lande die Zahl der Männer zu, die Röcke als ganz normale Alltagskleidung tragen, genau so, wie schon ca. 90 % der Frauen alltäglich Hosen tragen. Die allermeisten dieser Männer sind weder Schotten noch Transvestiten. So allmählich sollte sich das eigentlich rumgesprochen haben.

Ja aber, werden Sie sich vielleicht fragen, wie kommen diese Männer denn dazu? Wieso tragen sie denn Röcke statt Hosen?

Ich muss sagen, mir erscheint es eher sehr fragwürdig, wie man als Mann nicht dazu kommen kann. Man muss doch nur drei Dinge zusammenbringen, dann ist der Schritt in den Rock die ganz normale Konsequenz:

1. Man sieht doch, dass Mädchen und Frauen Röcke und Hosen tragen, mal so, mal so, während Jungen und Männer immer nur Hosen tragen. Wenn nun also die Hose kein Kleidungsstück nur für Jungs und Männer ist, wieso soll dann der Rock nur für Mädels und Frauen da sein? Das wäre doch eine ungerechte Aufteilung.

2. Männer in vielen Kulturen der Vergangenheit und Gegenwart trugen bzw. tragen Röcke und Kleider. Hier bei uns kam das vor ca. 500 Jahren aus der Mode und wurde im Nachhinein tabuisiert. So eine blödsinnige Entwicklung muss sich doch auch wieder aufheben lassen.

3. Nun kommt die Neugier des immer nur Hosen tragenden Jungen oder Mannes, wie sich denn so ein Rock anfühlt. Man probiert es aus, und dann ist es wie mit vielem: Man mag es oder man mag es nicht. Ich jedenfalls liebe es, wenn an warmen Tagen auf diese Weise mehr Luft an und zwischen die Beine gelangt und der Stoff des Rocks beim Gehen die Beine berührt.

Ja aber, werden Sie vielleicht sagen, das ist doch so ungewohnt und so auffällig!

Ja schon, aber wenn die Frauen da so eine Angst vor gehabt hätten, ein bisschen aufzufallen, dann würden sie heute noch keine Hosen tragen. Nun ist es bei Menschen beiderlei Geschlechts so, dass einige es lieben aufzufallen, während andere lieber unauffällig im Unter- oder Hintergrund bleiben. Beides ist weder schändlich noch ehrenvoll, sondern es sind einfach unterschiedliche Persönlichkeitsmerkmale. Wer nicht gerne auffällt, aber trotzdem einen Rock tragen möchte, der wähle einen dunklen, einfarbigen, knapp knielangen Rock, der wird oft bei flüchtigem Hinsehen für eine Shorts gehalten. Allerdings werden sich die Menschen nicht an rocktragende Männer gewöhnen können, wenn sie keine zu Gesicht bekommen. Da sind dann die gefragt, die gerne auffallen oder ihr anfängliches Unbehagen überwunden haben. Es hängt so vieles im menschlichen Leben von der Gewöhnung ab, denn wir Menschen sind doch meistens sehr gewohnheitsverhaftet und konservativ, solange wir mit dem Gewohnten gut zurecht zu kommen meinen.

Ja aber, werden Sie vielleicht fragen, wie reagieren denn die Leute, was denken und sagen sie denn?

Ich habe in dieser Beziehung in den letzten fünf Jahren schon sehr vieles erlebt von lobender Zustimmung über Gleichgültigkeit und Verunsicherung bis zu offener Ablehnung. Manche Menschen werden aggressiv, wenn man das, woran sie sich gewöhnt haben, in Frage stellt. Mit diesen Schwierigkeiten muss jeder umzugehen lernen, der etwas Neues einführen oder etwas Altes, aber Vergessenes wieder einführen will. Es verhalten sich bei weitem nicht alle Menschen gleich, und wenn man die Mitmenschen als Subjekte in ihrer Würde und Autonomie ernst nimmt, muss man ihnen auch die Fähigkeit des Nachdenkens und Lernens zusprechen. Meine Gespräche mit Kritikern zeigten früher oder später immer, dass ich mit dieser Einstellung nicht so falsch lag. Es käme meines Erachtens einer Beleidigung der Mitmenschen gleich, wenn man ihnen generell Intoleranz und Aggression als Grundmotivation unterstellen würde. Sicher kann man es auch als Beleidigung auffassen, jemanden der Unehrlichkeit zu bezichtigen und trotzdem lassen wir nicht den Schlüssel im Auto oder in der Haustür draußen stecken. Wenn aber unter 100 Passanten ein Dieb dabei ist, ist das gefährlicher, als wenn unter 100 Passanten 20 Männerrockgegner sein sollten. In der Regel behalten die Leute ihre Meinungen für sich, und was sie für sich denken, tut mir ja nicht weh. Nun gibt es aber sicher Situationen, in denen es angeraten ist, auf den ersten Blick der vermeintlich konservativen Einstellung eines anderen Menschen zu gefallen, zum Beispiel in einem Bewerbungs- oder Verkaufsgespräch. Viele Menschen urteilen sehr schnell aufgrund angewöhnter Schemata und nehmen sich in der für den so Beurteilten wichtigen kurzen Zeit nicht die Muße der Reflexion. Solange Röcke an Männern für viele noch so ungewohnt und bisweilen negativ vorurteilsbehaftet sind, ist das Rocktragen in solchen Situationen nur in Ausnahmefällen anzuraten. Man kann ja, wenn der Chef oder der Kunde einen näher kennt und man ihn, später immer noch im Rock auftauchen.

Ja aber, denken Sie dann vielleicht immer noch, ein Mann im Rock wird doch für einen Transvestiten oder einen Homosexuellen gehalten.

Es gibt tatsächlich Leute, die erstens das alles in einen Topf werfen und zweitens die in diesen Topf geworfenen Menschen auch noch verurteilen. Eine eigenartige Gleichung scheint in ihren Köpfen ihr Unwesen zu treiben:
Rocktragende Männer = frauenkleidungtragende Männer = Transvestiten = Transsexuelle = Homosexuelle = Menschen, mit denen man besser nichts zu tun hat. Diese Gleichung ist aber vollkommen falsch und zwar in jeder ihrer Teilgleichungen, und egal, in welcher Reihenfolge man sie nimmt.

Ich will hier nur ganz kurz darauf eingehen: Transvestiten, Transsexuelle, Transgender, Travestiekünstler, Homosexuelle und rocktragende Männer bzw. hosentragende Frauen sind ganz unterschiedliche Gruppen von Menschen, zwischen denen es lediglich Ãœberschneidungen gibt, so wie zum Beispiel auch zwischen Wein- und Biertrinkern oder zwischen Auto- und Eisenbahnfahrern, aber diese Gruppen sind nicht identisch. Und wer einen Menschen, der einer dieser Gruppen angehört, verurteilt, sollte sich mal wirklich damit auseinandersetzen. Es ist alles viel differenzierter als man es manchmal meint, wenn man sich ein einfaches und übersichtliches Weltbild konstruiert. Ich ziehe es vor, einen Menschen als Menschen zu nehmen, im freundlich ins Gesicht zu sehen und ihn zu respektieren als das was er ist und den gleichen Respekt von ihm zu fordern.

Vielleicht haben Sie ja nun Interesse daran gefunden, sich selbst oder Ihrem Freund oder Mann einen Rock zuzulegen, fragen aber, wo man denn so einen Männerrock kaufen kann.

Das ist nun wirklich eine schwierige Frage, aber keine unlösbare.
Erstens gibt es die Möglichkeit, in ein Land zu reisen, in dem Männerröcke noch üblich sind, zum Beispiel in Schottland oder in Südostasien und sich dort einen Kilt, einen Sarong oder einen anderen Männerrock zu kaufen.
Zweitens gibt es die Möglichkeit, sich einen Rock einer der wenigen speziellen Männerrockhersteller in Deutschland oder der Schweiz zuzulegen, was aber kein billiges Unterfangen ist.
Drittens kann man sich einen Rock auf den Leib schneidern oder schneidern lassen, was aber entweder Zeit und Können oder aber wieder viel Geld kostet.
Viertens haben auch schon Bekleidungsgeschäfte der normalen Preisklasse hin und wider Männerröcke angeboten, was aber bisher leider nur selten und kurzzeitig vorkam.
Fünftens gibt es in den Damenabteilungen der Kaufhäuser immer wieder mal Röcke, die auch einen Mann gut kleiden, obwohl Männer- und Frauenkörper unterschiedliche Proportionen aufweisen.
Da dieser Proportionsunterschied zwischen Mädchen und Jungs vor der Pubertät nicht so groß ist, ist es für diese Altersstufe leichter, einen passenden Rock oder ein passendes Kleid zu finden, aber auch für erwachsene Männer ist das nicht unmöglich. Nur muss man eben die Klassifizierung überwinden, dass es sich dabei um Damenröcke handelt. Leider kommen die Anbieter den ihnen zu spärlichen Nachfragen rockbegeisterter Männer kaum nach, und weigern sich, passende Röcke einfach mal in der Herrenabteilung anzubieten. So muss man eben individualistisch und eigensinnig genug sein, für sich selbst einen Rock als Männerrock oder als Unisexrock zu definieren.

Das hört sich in Ihren Ohren nun vielleicht alles sehr kompliziert an.
Nun, man kann es sich auch wieder einfacher machen. Ich trage seit fünf Jahren in der Öffentlichkeit dieser unserer deutschen, österreichischen, schweizerischen, französischen und niederländischen Gesellschaft Röcke zumeist aus der Damenabteilung, bekomme viele positive Meinungsäußerungen dazu zu hören und genieße das Tragegefühl auf Schritt und Tritt. Hosen trage ich auch noch, nur eben nicht immer, sondern wähle je nach Wetter, Bewegungsvorhaben und bisweilen auch gesellschaftlichen Anlässen, eben so, wie Frauen das auch tun und wie unsere männlichen Vorfahren das mal taten, vor über 500 Jahren, nur viel freier, da unsere Gesellschaft freiheitlicher ist als die damalige.

Rocktragende Männer gibt es also nicht nur in Schottland, genau so wenig wie Dudelsackspieler, aber das ist nun ein anderes Thema ...

Michael A. Schmiedel im Vorfrühling 2004, sich auf einen neuen Rocksommer freuend.

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Re: Eigensinn statt Klischeedenken


Ein Kommentar von: urock

Lieber Verfasser von „Eigensinn und Klischeedenken“,
Soeben habe ich diesen Artikel gelesen und bin über den Schreibinhalt und die Schreibweise begeistert.
Da habe ich einen Abschnitt gefunden zu dem ich etwas schreiben möchte.
Zitat: Rocktragende Männer = frauenkleidungtragende Männer = Transvestiten = Transsexuelle = Homosexuelle = Menschen, mit denen man besser nichts zu tun hat.
Einige Jahre habe ich mit einem Homosexuellen beruflichen Kontakt gehabt. Doch nie hätte ich mich je über Unannehmlichkeiten klagen können. Also nichts zu tun haben mit den nicht Gleichgesinnten finde ich verwerflich. Solange ein Mensch seine Mitmenschen achtet ist es doch egal ob er etwas Andersartig ist. Im Gegenteil, ich bewundere solche Leute, denn sie lassen sich nicht einfach in von einem Klischeedenken beeinflussen. Leute die das nicht begreifen sind arm im Geist und Toleranz. Würde die Toleranz in der Menschheit überhand greifen, so würden auch die ewigen Konflikte abklingen. Dies gilt nicht nur für Kleidervorschriften, Brauchtum, Religionsansichten etc.
Vielen Dank für den Artikel „Eigensinn und Klischeedenken“  urock
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Vielen Dank für diesen Artikel. Nun, ich frage mich warum ich als Rockträger mir manchmal Gedanken  mache was andere von mir denken. Die meisten Mitmenschen kennen mich nicht und sprechen mich auch nicht auf meine Kleidung an. Bekannte und Freunde akzeptieren mich so wie ich bin. Warum also ist es mir wichtig was andere von mir denken? Bin ich vielleicht selbst manchesmal klischeehaft? Was ist dabei wenn jemand denkt ich bin homosexuell, genieße einen Fetisch oder nur das Leben? Menschen die mutig sind ihr Ding zu Leben, sind einfach nur toll.
Bin gespannt auf Eure Meinung.
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Zitat
Warum also ist es mir wichtig was andere von mir denken?

Es steckt in uns drin, dass wir fragen, wie wir bei anderen Menschen ankommen. Weil wir keine Einzelgänger sind, sondern auf Gemeinschaft angewiesen sind (nur wenige Menschen halten längere Zeit in Einsamkeit aus).
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Hallo Urock und McKilit,

danke für Euer Lob! Leider steht bei den Kommentaren zu diesen Texten nie, wann sie geschrieben wurden.

Zu Urock:
Selbstverständlich ist gegenseitiger Respekt wichtig, völlig egal, welche sexuelle Orientierung jemand hat. Homophobie ist aber leider interkulturell weit verbreitet, wobei sie in Europa besonders ausgeprägt wurde und von dort aus in andere Kulturen übertragen und sie dort verstärkt hat. Man muss den Homophoben aber beibringen, dass das nicht in Ordnung ist, nicht moralisch, was sie aber oft meinen, dass es das sei. Sie meinen oft, sie seien im Recht oder im alleinigen Sinn der Natur oder von Gott gewollt oder wie auch immer. Diesen Zahn muss man ihnen ziehen. Homophobie ist eine Form von Sexismus, also einer Art Absolutheitsanspruch für das eigene Geschlecht und die eigene sexuelle Orientierung und eine Herabwürdigung anderer. Sie widerspricht den Menschenrechten.

Zu McKilit:
Wie Hajo schon schrieb, sind wie auch als Individuen soziale Wesen, die sehr auf ein Miteinander angewiesen sind. Wir orientieren uns aneinander, parallelisieren lernend unsere Verhaltensweisen, von der Sprache bis zur Kleidung. Da ist nichts Schlimmes dran, sondern es ermöglicht unser Leben als Individuen und als Gesellschaft.
Aber auch Vielfalt ist wichtig, denn nur wenn wir verschieden sind, können wir einander ergänzen und voneinander lernen. Was man auseinanderhalten muss ist der Trieb, sich anderen anzupassen und der, andere sich anzupassen. Ersterer ist meistens in Ordnung, zweiterer aber ist oft übergriffig. Man muss halt aufpassen, ob eine Verhaltensweise, sei es die eigene oder die anderer Leute, schädlich ist. Kommt man zu dem Schluss, dass die eigene schädlich ist, kann man sie vermeiden. Kommt man zu dem Schluss, dass die anderer Menschen schädlich ist, kann man manchmal etwas dagegen tun, manchmal nicht. Zum Beispiel gegen die millionenfache Autofahrerei kann man als einzelner Mensch wenig tun. Man kann nur hoffen, dass die Vernunft oder das Versiegen der Erdölquellen dem irgendwann einen Riegel vorschiebt.
Dumm ist halt, dass viele Menschen das nicht auseinanderhalten können, was schädlich ist und was nicht. Viele passen sich schädlichen Verhaltensweisen an, weil sie von der Mehrheit praktiziert werden und verurteilen nichtschädliche Verhaltensweisen, weil sie von einer Minderheit praktiziert werden. In so einem Fall führt der Trieb, sich anzupassen, zu einer eigenen schädlichen Verhaltensweise.
Da ist dann der Eigensinn gefragt: Eigensinnig tun, was nicht schädlich ist, auch wenn man damit alleine steht. Das ist dann aber kein Eigensinn, der asozial wäre, sondern er ist sogar sehr sozial. Die anderen Menschen sind einem nicht egal, man macht nur eben nicht alles mit, was sie so tun, sondern schaut, ob es schädlich ist oder nicht. Und man folgt eigenen Vorstellungen, auch wenn man damit alleine steht oder in einer Minderheit.
Ob nun jemand Rock oder Hose trägt, ist in Bezug auf Schädlichkeit für die Gesellschaft oder das natürliche Gleichgewicht irrelavant. Es kann für den Einzelnen schädlich sein, ungeeignete Kleidung zu tragen. Wenn Röcke oft angenehmer zu tragen sind als Hosen, kann das die Gesundheit des Rockträgers positiv beeinflussen. Und ein gesunder Mensch fällt auch der Gesellschaft wengier zu Last als ein kranker, kann besser arbeiten, ist besser gelaunt usw. Gleiches gilt umgekehrt, wenn man sich in einer Hose wohler fühlt. Freie Wahl zwischen Rock und Hose ist somit nützlich nicht nur für das Individuum, sondern auch für die Gesellschaft. Menschen diese freie Wahl zu verbieten, ist somit schädlich für die Betroffenen, aber auch für die Gesellschaft als Ganzer. Wichtig ist also nicht, was jemand trägt, sondern ob er*sie die freie Wahl hat oder nicht.
Und manchmal muss man für die eigene Freiheit auch gegen den Herdentrieb kämpfen, gegen den eigenen und gegen den anderer Menschen. Nur muss man eben aufpassen, dabei nicht asozial zu werden.

Vor 14 Jahren habe ich mal den Essay "Sozialverantwortlicher Eigensinn" geschrieben, den man hier lesen kann: http://michael-alwis-schmiedel.blogspot.com/2005/03/sozialverantwortlicher-eigensinn.html. Wer mag, nehme ihn sich (noch)mal vor.

LG, Micha (5.2.2019, 8:03)
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