cephalus, ich kann Dir durchweg zustimmen. Obwohl Du ja eher Fragen über Fragen gestellt hast, die nicht mit Zustimmung einheitlich zu beantworten sind. Aber mit Deinen Fragen und Gedanken hast Du das gesamte Universum modischer Freiheiten und Ausgestaltungen durchquert und die wichtigsten Aspekte, die sich dabei ergeben, aufgegriffen.
Sicherlich könnte ich auf jeden einzelnen Fragezeichen-Satz eine DIN-A4-Blatt füllende Antwort geben. Andererseits würde das mein Wochenendpensum meiner vor mir liegenden Aufgaben völlig gefährden. Insofern greife ich Deine abschließende Frage, quasi als Zusammenfassung Deines kompletten Fragenkomplexes auf und versuche mich, da ein klein wenig daran abzuarbeiten:
Ergibt die von mir und mehrheitlich im Forum betriebene Zurückhaltung eigentlich allgemein Sinn, oder wirkt das harmonisch durchgestylte Outfit, auch wenn es sich gefühlt weiter aus dem Fenster lehnt, besser auch auf die Umgebung und nicht nur auf das eigene Empfinden?
Ich lehne mich auch oft aus dem Fenster, gefühlt eigentlich sehr oft, fast immer, und bisweilen recht weit, aber oft auch in unterschiedlichen Richtungen.
Insofern glaube ich ein Gefühl zu verspüren, auf die Vielschichtigkeit Deiner Abschlussfrage eine kleine, vorsichtige Antwort geben zu können.
Gerade die verschiedenen Richtungen, in die ich mich aus dem Fenster lehne, ermöglichen mir einen kleinen Überblick zu erhalten, wie und in welcher Weise meine Umgebung reagiert und damit umgeht.
Beim Thema Schmuck bin ich völlig raus, auch wenn ich mir seit letztem Jahr ab und zu mal ein Kettchen um den Hals lege, was aber fast ausschließlich nur aus ganz bestimmten Message-Gründen geschieht. Dennoch fällt auch da mir auf, dass dieses kleine Kettchen ein Gesamtbild ins Wanken oder Umkippen bringen kann und das tatsächlich auch meine Umgebung irritieren kann - bzw. mich anders "liest" als ich es sonst gewohnt bin.
Genau dieses Kettchen ist quasi der Indikator, wo ein "Zuviel" vielleicht erreicht ist, wo die Umgebung mir signalisiert, dass sie es zwar wohlwollend wahrnimmt, aber sehr oft anders interpretiert als ohne Kettchen.
Mit diesem "Zuviel" - und hiermit löse ich mich jetzt vom symbolträchtigen Kettchen und meine jedes andere potenzielle "Zuviel" - wird man von der Frauenwelt mehr als eine "Mitfrau" empfunden und die komplimenten-geladenen Reaktionen hofieren den guten Geschmack und die Fähigkeiten, sich als Gesamtkunstwerk darzustellen, wie das einige Frauen auch tun - aber längst nicht jede und nicht immer, weil zu aufwändig, zu kompliziert, nicht immer Lust dazu, aber an anderen Frauen bewundert, wenn diese es getan haben.
Nicht, dass ohne dieses "Zuviel" es nicht auch ähnliche Komplimente geben kann, aber meinem Gefühl nach nicht in der gleichen Weise, um meine "weiblichen Fähigkeiten" zu bewundern, sondern dann sind es schlichte meine "Fähigkeiten", die gelobt werden als Mitmensch, aber nicht als "eingeweihte Mitfrau".
Ja, das sind die Schwingungen, die ich kraft meiner häufigen Rückmeldungen so einteilen kann. Die Sicht der Männer ist da zurückhaltender, da fängt es auch ohne ein "Zuviel" schon vorher an, nicht mehr komplett als "Mitmann" empfunden zu werden (doch diesen Aspekt lasse ich jetzt erstmal weg).
Nun kann man für sich entscheiden, ob man in die "Geheimnisse der Welt des Frau-Seins" eintauchen möchte - was auch ein interessantes unterschwelliges Gefühl ist - oder ob man von seiner (weiblichen) Umgebung eher als Mann mit Modemut und Geschmack empfunden werden möchte. Letzteres bietet eben mehr Kraft, sich als Mann zu emanzipieren. Das andere ist eben ein Eintauchen in die Damenwelt, ja ein Nachäffen der Frauen.
Auf dieser Gratwanderung bewege ich mich sehr oft. Freilich ist ein schmaler Grat irgendwann etwas ausgetreten, wenn man ihn häufiger betritt. Ich denke da z.B. an meine Spaghettiträger. Als ich sie kennen- und schätzen- und liebengelernt habe, was habe ich versucht, das vor der Öffentlichkeit zu verstecken. Nur zu ausgewählten Gelegenheiten erlaubte ich mir das, weitab von der Zivilisation, möglichst ohne viele Menschen. Spaghettiträger am Mann? - Undenkbar. Spaghettiträger waren nicht nur für mich, auch für andere ein absolutes "Zuviel". Erst seit etwa zwei Jahren oder drei fing ich an, sie auch als "stadtfein" und gesellschaftsfähig zu betrachten. Das war ein schmaler, dünner, gefährlicher Grat, den ich beschritten habe. Wie ich verstärkt mit Spaghettiträgern unter die Leute ging, merkte ich, dass die Vorbehalte dagegen von meiner Umgebung nicht mit einer Absonderung ausgedrückt wurden, sondern dass ich nach wie vor mit meinen vertrauten Menschen auch mit Spaghettiträgern ganz normal weiterhin gemeinsame Stunden oder Tage verbringen konnte.
Diesen schmalen, dünnen, gefährlichen Grat bin ich also immer öfter gegangen, inzwischen ist er platt getreten und der Grat ist deutlich sicherer geworden und das anfängliche "Zuviel" ist für meine Umgebung nun ein "Naja" oder "Egal" geworden.
Klar ist, dass man seine Umgebung allmählich an etwas gewöhnen kann. Freilich bewegt man sich aber fortwährend auch unter Menschen, die einem zum ersten Mal begegnen - die hatten dann noch nicht die Chance, sich daran zu gewöhnen. Für diese ist das "Egal" halt doch wohl eher ein "Zuviel", aber wenn sie sehen, dass ich in meiner näheren Entourage eingebettet normal sozial integriert bin, so dürfte auch da der Lerneffekt größer und schneller sein, dass aus einem anfänglichen "Zuviel" nach wenigen Augenblicken dann vielleicht bereits ein "Naja" oder gar schon ein "Egal" werden kann.
Genau so beobachte ich das übrigens auch bei der Mitmenschengruppe der Männer. Diese sind sehr viel - wie soll ich sagen? - distanzierter, für die ist sehr viel schneller irgendetwas am Mann (also an mir) ein "Zuviel". Aber ähnlich wie bei der Gruppe der Fremden, wenn sie sehen, dass man trotz dieses "Zuviels" in eine normale Menschengruppe eingebettet ist, fangen sie auch langsam an, das "Zuviel" zu tolerieren oder zu akzeptieren. Die Lernkurve ist da zwar deutlich flacher, aber irgendwann wird das "Zuviel" auch zu einem "Naja", manchmal sogar zu einem "Egal".
Deine Frage nach der vorauseilenden Zurückhaltung, cephalus, muss jeder für sich überdenken. Aber Deinen Fragenkatalog, wer denn eigentlich die wahre Angstquelle vor zu viel "weiblichem" ist, sollte sich jeder immer mal wieder genau bewusst durch den Kopf gehen lassen. Wer ist die Angstquelle? Man selber? Die Frau? Die Eltern? Die Freunde? Etc.? Siehe Deinen Fragenkatalog dazu.
Als Beobachter am lebenden Objekt (ich selber) erlaube mir einzuschätzen, dass eine völlige Zurückhaltung nicht nötig ist, aber ein ungezügeltes Hinauslehnen aus dem Männerfenster auch nicht das Empfehlenswerteste ist, weil man dann doch irgendwann endgültig aus der Sphäre der Männergefühlswelt hinausgeworfen wird und als Neuzugang in der Damengefühlswelt herzlich willkommen wird. Dann verlässt man den Bereich, sich als Mann zu emanzipieren.