Na ja, Islamismus ist eine politische Ideologie auf religiöser Grundlage.
Islamismus ist eigentlich ein Sonderfall, von dem, was ich "Religionismus" nenne.
Nationalismus ist eine politische Ideologie auf der Grundlage nationaler Identität.
Beide legen strenge Regeln für die jeweilige Grundlage fest, die nicht notwendigerweise mit dieser Identität verbunden sind.
Beide, Islamismus und Nationalismus haben ihre Wurzeln im 18/19. Jh. Der deutsche Nationalismus (bei anderen Ländern muss man gesondert schauen) hat eine Wurzel in der Romantik, die eine Gegenbewegung zur Aufklärung war. Die Aufklärung war eine europäische Bewegung. Der französische Nationalismus ruht indes eher auf der Aufklärung und wollte die Errungenschaften der Französischen Revolution exportieren. Das könnte man zu Beginn fast als "links" bezeichnen. Der deutsche Nationalismus ist eher in der Abwehr dieser französischen Ausdehnung entstanden.
Der Islamismus ist in der Abwehr europäische Ausdehnung entstanden. Alternativbegriffe sind "Reformislam" und "Politischer Islam". Aber vor allem vom Reformislam ist es nur eine Richtung, denn der liberale Islam ist auch ein Reformislam. Das ist ein ähnlicher Unterschied wie beim Hinduismus zwischen dem Hindunationalismus (Hindutva) und dem Hinduismus z.B. Mahatma Gandhis. Oder wie beim Christentum zwischen Fundamentalismus und liberalem Christentum.
Es gibt überall Unterschiede und Gemeinsamkeiten.
Ich sehe vor allem die Gemeinsamkeit, dass Nationalismus eine Überhöhung der je eigenen nationalen Identität ist und der Islamismus eine Überhöhung der islamischen Identität.
Beide haben eine sehr strenge Vorstellung davon, wer zur eigenen Identität gehört und wer nicht.
In Bezug zu Gendervorstellungen, die einer klaren Zuordnung zu einem von zwei Geschlechtern und einer klaren Rollenverteilung zwischen diesen ablehnend gegenüberstehen, haben beide eine ablehnende Haltung. Das haben beide mit vielen Konservativen gemeinsam. Aber sie sind nicht wirklich konservativ, sondern entweder restaurativ, wenn sie eine Vorstellung einer besseren Vergangenheit haben, zu der sie wieder zurück wollen, oder progressiv, wenn sie zu einem noch nie dagewesenen Zustand kommen wollen. Letztere wird aber weniger kommuniziert, da sie - also beide - eine große mögliche Unterstützung bei Konservativen vermuten, was auch manchmal zutrifft.
Beides - Islamismus und Nationalismus - kommt in Ländern mit langer islamischer Tradition auch in direktem Verbund miteinander vor, z.B. in der Türkei. Die AKP ist eine nationalistisch-islamistische Partei und nach unserm gängigen Links-Rechts-Schema eine rechte Partei.
Ich selbst halte von diesem Schema nicht allzu viel, da es zu grob ist. Ich rede lieber von Nationalismus und Religionismus. In beiden Fällen wird die eigene nationale bzw. religiöse Identität überhöht und scharf von anderen Identitäten abgegrenzt. Beide sind Feinde einer offenen, liberalen, demokratischen Gesellschaft und einer Gewaltenteilung. Wobei der französische Nationalismus da ein bisschen ausschert, wegen seiner Wurzeln in der Aufklärung. Aber auch ihn haben Ideen ereilt, die diesem Erbe widersprechen.
Wobei auch die Aufklärung nicht nur positiv zu bewerten ist. Da hat die Romantik m.E. tatsächlich ein wenig korrigiert, indem sie dem Gefühl zum Recht gegenüber der reinen Vernunft verhalf. Nur dass sie in Teilen dann Ideologien emotional auszuladen gelehrt hat, so die Ideologie der Nation. Das musste aber auch sein, um in Deutschland die Kleinstaaterei zu überwinden. Nur leider entwickelte sie sich ab 1870 dann nach und nach zu einem imperialen Wahnsinn im Wettbewerb mit anderen Nationalstaaten. Dabei kam dann neben wenigem Guten eben viel Ungutes heraus, u.a. zwei Weltkriege.
Jedenfalls sind Religionismus und Nationalismus in Bezug auf ihre Religion bzw. Nation sehr egoistisch, weshalb ich gerne von "Nationalegosimus" spreche. Natürlich dann auch entsprechend von "Religionsegoismus".
So, ich geh jetzt schlafen. Gute Nacht!
LG, Micha