Lieber Wolfgang,
Du bist ein kluger Kopf bzw, hast einen solchen.
Das ist vollkommen richtig, dass es verschiedene Perspektiven, Narrative usw. gibt. Man kann die auch nicht alle kennen. Umso mehr kann man sich auch darin trainieren, mit der eigenen Perspektive, dem eigenen Narrativ usw. bescheiden umzugehen und sie bzw. es nicht einfach mal eben so für unfehlbar und absolut richtig zu halten.
Offenheit für andere Sichtweisen kann bedeuten, sich für sie zu interessieren und sich aktiv mit ihnen zu beschäftigen. Aber auch etwas weniger engagiert, anderen Menschen zuzugestehen, diese Sichtweisen zu haben. Man kann sie einfach tolerieren, auch wenn man sie nicht versteht. Man muss nicht alles für sich akzeptieren, aber dulden, dass andere Menschen sie haben und berücksichtigen, welche Interessen diese anderen Menschen in gemeinsame Entscheidungsfindungen einbringen, das kann man üben.
Ich kenne auch Menschen, die keine oder kaum Bücher lesen, und die dennoch sehr kluge Gedanken haben. Bücher sind keine exklusiven Allheilmittel.
Wenn ich mich aber sehr für ein Thema interessiere - was ich voraussetze, wenn jemand eine Meinung zu diesem Thema öffentlich verkündet - können sie sehr hilfreich sein. Was mich angeht, so haben die genannten zwei Bücher meinen Horizont erweitert. Dass ich als Religionswissenschaftler da mehr Interesse dran habe, Zeit mit dem Lesen solcher Bücher zu verbringen, als Menschen mit anderen Berufen, ist klar. Aber auch ich schaffe es nicht, alles zu lesen, was ich lesen wollte oder sollte. Auf Thomas Bauer wurde ich denn auch durch "Tag für Tag" im Deutschlandfunk aufmerksam, auf Christopher de Bellaigue durch eine Buchwerbung in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft.
Der Deutschlandfunk hat derzeit übrigens einiges über den Anschlag auf den CSD auf seiner Startseite;
https://www.deutschlandfunk.de/Zu Thomas Bauer und Ambiguität findet man da auch einiges;
https://www.deutschlandfunk.de/suche?drsearch:searchText=Ambiguit%C3%A4t%20Thomas%20Bauer&drsearch:from-date=&drsearch:to-date=&drsearch:series=&drsearch:stations=4f8db02a-35ae-4b78-9cd0-86b177726ec0&drsearch:stations-all=64df3047-eea5-411a-877c-c415f344a8e7&drsearch:stations-all=4f8db02a-35ae-4b78-9cd0-86b177726ec0&drsearch:stations-all=56f11dfd-a3a8-429b-acaf-06bf595f2dd8Zu Christopher de Bellaigue auch:
https://www.deutschlandfunk.de/suche?drsearch%3AsearchText=Christopher%20de%20Bellaigue&drsearch%3Astations=4f8db02a-35ae-4b78-9cd0-86b177726ec0Und sogar zu mir:
https://www.deutschlandfunk.de/suche?drsearch:searchText=Michael%20A.%20Schmiedel&drsearch:from-date=&drsearch:to-date=&drsearch:series=&drsearch:stations=4f8db02a-35ae-4b78-9cd0-86b177726ec0&drsearch:stations-all=64df3047-eea5-411a-877c-c415f344a8e7&drsearch:stations-all=4f8db02a-35ae-4b78-9cd0-86b177726ec0&drsearch:stations-all=56f11dfd-a3a8-429b-acaf-06bf595f2dd8Aber klar, machen wir uns nichts vor: Die allermeisten Informationen gehen an uns vorbei, ohne dass wir sie bemerken. Die wenigsten Leute erreichen wir mit Büchern, Radiosendungen, Fernsehsendungen usw. Kurze Nachrichten in den sozialen Medien und überhaupt Internet erreichen mehr Menschen.
Meines Wissens gibt es Studien, die zeigen, dass die Aufmerksamkeitsspanne von Menschen, die diese schnellen Medien viel nutzen, geringer ist als es sie war, bevor es diese Medien gab. Unsere Studierenden haben Probleme damit, Texte von z.B. 40-60 Seiten zu lesen. Sie lassen sie sich inzwischen von der KI zusammenfassen. Das ist ein legitimes Mittel, wenn man dadurch Zeit spart, ersetzt aber nicht die eigene Lektüre der Texte. Sich die Zeit zu nehmen, sich detailliert ein paar Stunden lang mit einem Thema zu beschäftigen, statt in derselben Zeit viele Themen oberflächlich zu streifen, erfordert unter Umständen Disziplin.
Nochmal zum Anfang: Ja, es gibt verschiedene Sichtweisen. Nun sind die aber dennoch nicht alle gleichwertig. Ich würde mal so sagen: Je bescheidener sie vertreten werden, je differenzierter sie dargelegt werden, je respektvoller sie mit Menschen umgehen, desto wertvoller sind sie.
Manchmal muss man aber auch mal auf den Putz hauen, wenn einem dieselben Stereotypen immer und immer wieder um die Ohren gehauen werden. Man darf auch mal hart diskutieren, wenn man meint, dass jemand ungerecht wird in seiner Argumentation. Dann kann man auch mal fordern, der Andere möge sich mal weiterbilden. Ob mit Büchern oder anderen Medien oder mit Menschen, über die er gerade so pauschal seine Meinung ausgegossen hat, im direkten Austausch, darüber kann man sich dann in Ruhe mal unterhalten, wenn generell die Bereitschaft dazu da ist.
LG, Micha