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« Letzter Beitrag von MAS am Heute um 00:26 »
Nachdem ich eine lange, Verständnis zeigende Antwort von einer Tierwissenschaftlerin und Geschäftsführerin der Kampagne erhielt, in welcher der hohe Standard des Tierschutzes in der deutschen Landwirtschaft, die mehrheitliche Fütterung der Tiere von im eigenen Betrieb erzeugtem Futter und der kulturelle Wert des Fleischessens betont wurde und auch geschrieben wurde, dass man versuche, zu entsprechenden Lösungen des Gülleproblems zu gelangen, antwortete ich folgendes:
"Liebe Frau [Name],
ganz herzlichen Dank für Ihre ausführliche Antwort. Das weiß ich sehr zu schätzen!
Ich bin Religionswissenschaftler, habe aber auch mal Fortwirtschaft studiert, während ich als Grundschüler den Wunschberuf „Tierforscher“ angegeben hatte, wobei ich heute weiß, dass ich mir darunter eine Mischung auf Tierfilmer und Verhaltensforscher vorstellte. Das schreibe ich jetzt nur, damit Sie sehen, dass ich durchaus intensiver am Thema „Tier“ dran bin, als mein aktueller Beruf es vermuten lässt.
Aber gerade als Religionswissenschaftler weiß ich auch, dass das uns gewohnte Verhältnis zu Tieren in Europa sehr stark vom Christentum beeinflusst ist, in welchem – und das ist z.B. auch im Judentum und im Islam so – ein essentieller Unterschied zwischen Menschen und Tieren gelehrt wird. Der Mensch gilt als Ebenbild oder Stellvertreter Gottes, das Tier nur als Teil der Schöpfung, an der der Mensch sich bedienen darf. Auch wenn man die biblische Aufforderung, sich die Erde Untertan zu machen, wie es in Martin Luthers Übersetzung heißt, die seitdem auch immer wieder so formuliert wurde, im Sinne des 16. Jhs. so interpretiert, dass man Verantwortung zu übernehmen hat, so wie ein guter Herrscher Verantwortung für seine Untertanen hat, bleibt auf jeden Fall eine klare Hierarchie vorhanden. In vielen anderen Religionen ist die Tier-Mensch-Grenze durchlässiger. Zum Beispiel wird im Hinduismus und Buddhismus gelehrt, dass man als Tier wiedergeboren werden könne. Und während z.B. das Christentum vor allem die Nächstenliebe gegenüber dem Mitmenschen propagiert, empfiehlt der Buddhismus Mitgefühl mir allen fühlenden Wesen.
Und dennoch, nämlich aus wirtschaftlichen Gründen, haben unsere Vorfahren über Jahrhunderte hinweg ganz wenig Fleisch gegessen. Getreidebrei war lange das alltägliche Essen der meisten Menschen in Deutschland. Noch bis ins 20. Jh. kam Braten +/- nur sonntags auf den Tisch. Das hat sich eigentlich erst in der Wirtschaftswunderzeit geändert. Ich wuchs in den 60ern/70ern so auf, dass Fleisch zu fast jedem Mittagessen gehörte. Sich davon zu lösen, war schon ein Sprung. Jetzt esse ich vielleicht einmal in der Woche Fleisch und das meistens Form von Fisch (ich trenne nicht zwischen Fleisch und Fisch, sondern nenne es alles Fleisch, egal ob vom Säugetier, Vogel, Fisch oder von welcher Tierklasse auch immer). Aber ich esse Käse und Eier, bin also die meiste Zeit ein Ovo-lakto-Vegetarier. Und Käse kann man nicht herstellen, ohne dass Kühe, Zicken, Schafe Nachwuchs haben und man braucht oft zusätzlich tierisches Lab, aber zum Glück gibt es auch mikrobielles bei einigen Sorten. Die Herstellung von Hartkäse ist sogar klimaschädlicher als die von Fleisch, habe ich gelesen.
In einer Nachbarsfamilie ist der Mann Ovo-Lakto-Vegetarier, die Frau Veganerin (also Vegetarierin im eigentlichen Sinn des Wortes), und die beiden Jungs, so +/- 10 Jahre alt, haben noch nie in ihrem Leben Fleisch gegessen, sind aber wohlauf, gesund, intelligent und damit lebensfähig und genießen auch das Leben.
Worauf ich dabei hinaus will: Kulturen und Speisegewohnheiten können sich ändern. Sie sind keineswegs so, wie sie immer waren, denn sie haben sich schon oft verändert und werden sich auch weiterhin verändern. Es gibt immer konservativere und progressivere oder liberalere Menschen. Konservative verteidigen oft Gewohnheiten, die einige Generationen zuvor von Progressiven eingeführt wurden.
Was die Tierhaltung angeht: Was ist artgerecht? Meines Wissens ist Freilandhaltung oder solche, in der die Tiere frei zwischen drinnen und draußen wählen können, nicht gesetzlich vorgeschrieben. Noch immer ist im Supermarkt der Korb mit Eiern aus Bodenhaltung größer als der mit Eiern aus Freilandhaltung. Und die Fleisch- und Wurstwaren ohne Biosiegel sind immer noch mehr als die mit Biosiegel. Manchmal kann man zwischen verschiedenen Haltungsformen wählen. Das bedeutet, dass die tierfreundliche Haltungsform nicht gesetzlich vorgeschrieben ist, denn sonst hätte man als Kunde keine Wahl.
Mir schwebt eine Etikettierung vor, in der nicht die Bioware als solche ausgezeichnet ist, sondern die Nichtbioware. Da könnte z.B. draufstehen: „Mit Einsatz von Bioziden“ hergestellt. Oder „Ohne artgerechten Auslauf gehalten“. Auch der Ausdruck „konventionelle Landwirtschaft“ ist m.E. ein Euphemismus, denn das Wort „Konvention“, also „Übereinkunft“ ist sehr positiv belegt. Man denke nur an die Genfer Konvention zum Umgang mit Kriegsgefangenen. Man könnte eigentlich Lebensmittel, die tierunfreundlich oder mitweltschädlich hergestellt wurden Warnhinweise anbringen wie auf Zigaretten oder in manchen Ländern auf alkoholischen Getränken. Dann hätten die Leute immer noch eine Wahl, ihnen würde aber deutlicher gemacht, welche Verantwortung sie verbunden mit ihrer Freiheit tragen.
Ihre Info, dass in Deutschland der Anteil von Betrieben, die ihre Tiere mit Nahrung aus dem eigenen Betrieb füttern und ihre Gülle selbst verwerten, über 50 % liegt, freut mich. Habe ich Sie so richtig verstanden? „Zu 100 Prozent von den meisten Betrieben“ verstehe ich indes nicht ganz. Das heißt wohl, dass die meisten Betriebe, also eine absolute Mehrheit, also über 50 %, ihre Tiernahrung vollständig selbst anbauen. Oder? Das sind m.E. aber immer noch zu wenig.
Und Sie schreiben in Bezug auf Gülle: „Die von Ihnen genannten negativen Folgen sind vorhanden und die Branche ist auf der Suche nach entsprechenden Lösungen.“ Was sind entsprechende Lösungen? Weniger Gülle produzieren, denke ich. Also weniger Tiere pro Fläche halten. Bei Freilandhaltung und Weidewirtschaft käme das dann ganz von alleine. Und die Kuhfladen düngten die Wiese, von der die Kühe fressen. Also im Sommer zumindest.
Es bleibt doch die Schlussfolgerung: Wir müssen Werbung dafür machen, dass die Menschen weniger Fleisch essen und nicht mehr. Und die Landwirtschaft muss sich anpassen an einen bewussteren Umgang mit Lebensmittelproduktion, der dann hoffentlich entsteht.
Buddhist:innen sind übrigens nicht alle Vegetarier:innen, aber das Ideal des Mitgefühls auch mit Tieren ist ihnen bekannt. Ich finde, da kann der Buddhismus einen positiven Einfluss auf unsere Kultur ausüben. Beliebt ist er ja bei vielen Menschen. Da besteht also eine Möglichkeit.
Jetzt habe ich auch schon wieder mehr geschrieben, als ich wollte. Aber es ist mir eine Herzensangelegenheit, und ich bin dankbar, in Ihnen eine aufgeschlossene Dialogpartnerin zu haben.
Herzliche Grüße,
Michael A. Schmiedel"
LG, Micha