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« Letzter Beitrag von Bernd am Gestern um 23:10 »
Ich stimme Micha zu: Wir profitieren in der Akzeptanz als Röcke und Kleider tragende Männer davon, dass LGBTQ+ Themen heute in der Öffentlichkeit sichtbarer und akzeptierter sind als früher.
Das kann auch zu Missverständnissen unserer Motivation führen, aber das war früher (als Röcke tragende Männer weithin als schwul vermutet wurden) auch nicht besser.
Und ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass die allermeisten Menschen, die mir begegnen, genau merken, dass ich mich auch im Kleid als Mann verstehe und mich nicht als Frau präsentieren will. Für manche ist das dann verwirrend, weil sie meine Motivation so nicht einordnen können, aber als Trans-Frau gehalten werde ich höchstens ganz selten.
Man kann den Kampf der Frauen aus den vergangenen Jahrzehnten für ihre Freiheit, Hosen zu tragen, auch nur bedingt vergleichen mit der Akzeptanz für Männerröcke/-kleider, die wir versuchen zu erreichen. Einerseits hatten Frauen damals größere Hürden, um überhaupt mit Hose akzeptiert zu werden, während wir vielleicht ab und zu schief angeschaut werden, aber an den meisten Orten damit ganz gut durchkommen (Ausnahmen wie manche berufliche Kontexte etc. gibt es natürlich). Andererseits galten Hosen damals für alle als erstrebenswert weil praktisch und alltagstauglich. Heute sieht man zwar auch wieder mehr Frauen, die sich für schöne Anlässe Kleid oder Rock anziehen. Aber auch unter den meisten Frauen gelten im Alltag Hosen immer noch als praktischer als Rock oder Kleid (was auch daran liegen mag, dass viele Kleider für gute Anlässe tatsächlich im Alltag unpraktischer sind, da sie keine Taschen haben, nicht atmungsaktiv sind, zu wenig Bewegungsfreiheit bieten etc.). Dass Kleider und Röcke für die meisten Gelegenheiten (im Alltag wie zu festlichen Anlässen) viele praktische Vorteile haben, wenn man ein bisschen auf die Ausfertigungsdetails achtet (Stoffe, Schnitte, Taschen, ...), hat sich auch unter modernen Frauen bislang erstaunlich wenig herumgesprochen. Kein Wunder also, dass Männer oft gar nicht auf den Gedanken kommen, dass das Tragen von Röcken oder Kleidern in irgendeiner Weise erstrebenswert sein könnte. Dazu muss man diese Erfahrung wohl wirklich mal selbst gemacht haben (und dabei noch ein glückliches Händchen bei der Auswahl der Kleidungsstücke bewiesen haben).
Am ehesten könnte man andere Männer vielleicht noch von den Vorteilen des Kleider-Tragens überzeugen, wenn im Frühjahr oder Sommer mal wieder die Temperaturen anziehen und plötzlich viel mehr Frauen als sonst in leichten Sommerkleidern herumlaufen. Wenn wir das als Männer dann auch tun, könnte schon der eine oder andere Mann neidisch werden und sich überlegen, das auch mal zu probieren. (Jedenfalls war das eine meiner Hauptmotivationen, mal ein Kleid auszuprobieren.)
Langer Rede kurzer Sinn: Im Gegensatz zur Frauenbewegung für Hosen gibt es unter heutigen Männern schlicht kaum Interesse am Tragen von Röcken oder Kleidern. Diejenigen, die mit diesem Gedanken spielen (ganz zu schweigen von denjenigen, die das schon in die Tat umgesetzt haben), sind eine winzige Minderheit. Es gibt uns, und wenn wir uns online vernetzen, gibt es schon etliche von uns. Aber im jeweiligen lokalen Kontext sind wir absolut in der Minderheit. Selbst im Vergleich zu als bei der Geburt männlich bestimmten Personen, die sich heute als weiblich oder nicht-binär verstehen und deshalb feminine Kleidung tragen.