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Zeitgeschehen / Antw:Vielfalt und Wandel der deutschen Sprache(n)
« Letzter Beitrag von Skirtedman am Heute um 02:08 »
Ja, danke, lieber Gregor!
Aber kam es vom "mieten" oder "leihen" zum "Ungeheuer"? Etwa weil sich ein Ungeheuer schlecht vermieten lässt?
Ich weiß, Sprachen entwickeln sich oft auch unlogisch, aber irgendwie versuche ich immer eine innere Logik oder Plausibilität zu finden.
LG, Michael
Ach Micha, ich glaube, das kann keiner von uns ergründen.
Ich hatte ja in meiner ursprünglichen Ausführung zum Wort "Ungeheuer" bewusst das gleichlautende Wort "ungeheuer" weggelassen, weil ich das als ein völlig anderes Wortgebilde aufgefasst hatte. Inwieweit das wirklich vom ungetümen "Ungeheuer" zu trennen ist, bleibt letztlich unklar.
Kurz einwerfen will ich noch, dass es in meiner Region den Ungeheuersee gibt. Dort sagen aber die Heimatforscher, das habe nichts mit dem Ungetüm Ungeheuer zu tun, sondern käme von "unge" und "heuer", das erste bedeutet irgendwie "Weide" und bei "heuer" weiss ich es nicht mehr genau, ob es nun Wiese, Vieh, oder Zaun im Sinne von eingehegtem Gebiet bedeuten soll.
Und schon sind wir mittendrin. Denn "hegen" von "einhegen" (vergleiche "Hag"; vergleiche "Unbehagen") scheint wohl auch mundartlich irgendwie "quälen", "mühen" zu bedeuten im Schwäbischen und im Niederrheinischen. Ebenso "keien". Und dieses "keien" scheint es wohl auch im Bairischen zu geben ("kaien"), auch mit einer eher lästigen Bedeutung. Und das alles hat auch mit dem uns mittlerweile eher unbekannten Wort "geheien" zu tun, was zeitweise über die Jahrhunderte hinweg mal als ein Kraftwort verwendet wurde für etwas abscheuliches, z.B. schwach übersetzt "besudeln" bis hin zu ungewollt begattet zu werden. Auf der anderen Seite wurde es landschaftlich und zeitweise auch immer mal als etwas überaus positives benutzt, sowas wie (sittlich) eine Familie gründen (daher kommt auch "heiraten") oder einen Hausstand mit Haus, Hof, Gesinde, Vieh und Frau. Die Bedeutungen von "geheien" gehen da sehr auseinander und sind sogar sehr widersprüchlich. Vermutlich - so lese ich das bei den Brüdern Grimm heraus - sind diese konträren Bedeutungen wohl damit zu erklären, dass von Gegend zu Gegend und von Zeit zu Zeit die Bedeutungen durch unterschiedliche Deutungen zu erklären sind. Was einem mal ein wohlgesonnenes, erstrebenswertes Ziel war, wurde wann/wo anders als Last, Belästigung gedeutet. Mir scheint, man kann das eher damit erklären, dass manch vertrautes Wort / manch vertrauter Umstand irgendwann mal als überholt gedeutet wurde und man diese Begriffe nur noch verächtlich verwendet hat, so als würde ein Comedian heutzutage ein Abendprogramm abhalten, und ab irgendeinem Punkt des Abends ist klar, dass jedesmal, wenn er fortan "Familie" sagt, ein ganzer Schwall von parodierten Umständen anklingt und das Publikum anfängt bei diesem Stichwort zu lachen.
"geheien" im positiven Sinne (mit Bedeutung ähnlich zu heiraten oder sesshaft werden mit Familienstand gründen) hat wohl sprachlich etwas damit zu tun, dass etwas einem vertraut wird -> geheuer wird. Ist einem etwas nicht ganz geheuer, dann ist es im übertragenen Sinne eben nicht vertraut, nicht geläufig. So kann das Adjektiv "ungeheuer" verstanden werden.
"ungeheuer viel" z.B. wäre dann eine Menge in einem Umfang, welcher einem nicht vertraut ist, also eine Menge, die man sich gewöhnlich dabei nicht vorstellen würde.
Nun vermerken aber die Gebrüder Grimm, dass nicht jedes Wort mit der Vorsilbe un- eine Verneinung sein muss. Eine Verneinung von "schön" wäre "unschön". Vielmehr kann bei etlichen Worten, egal welcher Wortgattung, ein vorgehängtes "un-" auch als Steigerung fungieren. Beispiel: Ungeziefer. Sie hatten noch eine Reihe weiterer Wörter aufgeführt. Ich finde aber die Stelle gerade nicht mehr.
Das mag bei dem Adjektiv "ungeheuer" vielleicht nicht vorliegen - oder doch, sofern man "geheuer" mit "geheien" in Verbindung bringt mit den verschiedenen Richtungen der Bedeutungen.
Es scheint sich das Ungetüm "Ungeheuer" wortmässig aber doch - nicht wie ich anfänglich es versucht habe aufzufassen - mit dem Adjektiv "ungeheuer" zu kreuzen. Und somit ist jede Art von Plausibilität der Wortbildung denkbar, aber auch wiederum widersprüchlich deutbar. Zumal nicht erst die Dänen das "-ge-" in "Ungeheuer" weggelassen haben, sondern auch z.B. das "geheien" auch als "keien", aber auch als "heien" in den überlieferten Schriften verschiedener Jahrhunderte und Regionen auftaucht. Und ist je nach Sichtweise dann das "un-" eine Verneinung? Oder doch eine Steigerung?
Die Hure hat wohl was mit dem Kraftwort "heien" zu tun (was es auch als "heigen" und "heiren" gibt). Allerdings sehen die Grimms das auch als engverwand mit "Harn" und "Urin" und vermuten einen Zusammenhang mit "fließen", Ausfluss, ja dann also auch im Sinne von "besudeln". Wiederum aber verwandt mit "hei", "hy" ("heuer"/vertraut werden, siehe "heiraten"). Und ich lege jetzt noch eine Deutung zu im Sinne von "nehmen": Man nimmt sich die Frau, man nimmt sich das Stück Erde für Haus, Hof, Vieh, man nimmt sich die Hure.
Der Kapitän nimmt sich seine Seeleute. Er heuert sie an. Solange ein Seemann unter der Heuer ist, ist er Teil des Hausstands des Kapitäns. Der Seemann ist geheuert, ja: er ist sogar "geheuer".
Im Sinne von "nehmen"/"sich nehmen" kann man auch die Bedeutung von "mieten" sehen.
Die Hure mietet man. Den Seemann mietet man. Den Hausstand auf Zeit (die Ferienwohnung) mietet man.
Es gibt da ungeheuer viele Möglichkeiten, und so langsam wird einem das dann doch ein wenig geheuer.

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