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« Letzter Beitrag von Skirtedman am Heute um 15:22 »
Micha,
aufgrund von Zeitgründen hatte ich diesen Thread nicht mehr weiter vertieft. Es gab auch keine weiteren Anmerkungen mehr, die in mir das Gefühl der absoluten inhaltlichen Intervention wachgerufen hätten.
Drum dachte ich, dieser Thread - oder die daraus resultierte Diskussion - hätte sich nun auf der Ebene der Beteiligten relativ ausdiskutiert.
Dieses Gefühl beschlicht mich immer noch.
Drum kann ich es jetzt es gestatten, ohne eine Notwendigkeit über höhere Ebenen der Begriffsfindungen zu diskutieren. Auch wenn seltene Besucher vielleicht erst in drei Tagen hier vorbeigeschneit gekommen wären und vielleicht doch noch zwei eilen dazu verfasst hätten, die wir hiermit vermutlich wieder desillusionieren werden.
#Begriffsbildungen
- Einleitung
Es gibt viele Wege, wie Begriffe gebildet werden. Es geht mir immer noch nicht in den Kopf, warum Du, Micha, Dich verweigerst, die Begriffsauffassung von uns strukturell sehr nahestehenden Menschen abzulehnen und sie weiter zu deuten. Mir geht es vor allem deswegen nicht in den Kopf, weil mir Antworten darauf von Dir - auch von evt. anderen Menschen - noch immer fehlen.
Immerhin zählte ich zwei Mitschreiber, die das Wort "Crossdresser" nun für sich ablehnen, nicht weil sie die Inhalte dieser Begrifflichkeiten ablehnen, sondern weil sie selbst einen anderen Umgang mit Kleidung gefunden haben.
Die Theorie, ob nun eine Selbstbeschreibung oder eine Fremdbeschreibung grundsätzlich zu gültigen Wortbildungen führen sollte, halte ich in diesem Fall für absolut unerheblich, da es unterschiedliche Wege gibt zur Begriffsbildung und es auch immer unterschiedliche Prämissen gibt, die zum Beispiel eng an die praktische Verwendung des Begriffes gekoppelt ist. Und im Falle "Crossdresser" ist die Faktenlage der praktischen Verwendung sehr offensichtlich, das jede theoretische Überlegung nicht hilfreich ist.
Dennoch werde ich mich der mal kurz (mit einem langen Text, den Du, Micha, wieder nur ohne Aufmerksamkeit lesen wirst) hingeben.
- Beispielhafte Betrachtung
Da Du, Micha, scheinbar gerne auf Metaebene herumdeuteln möchtest, verlasse ich nun auch die Metaebene bzgl. Innen- und Aussendarstellung von Menschengruppen und beziehe die Begriffsbildung auch jenseits von Personenbenennungen ab.
Nicht ganz, denn ich will zunächst auf die Krawatten eingehen (ich spare mir in diesem Text, wo es geht, die Anführungseichen), denn dieses in meinen Augen völlig nutzlose (und unangenehme und mich störende) Schmuckstück männlicher Ausdrucksformen geht zurück auf die Kroaten (Hrvatski). Die zogen irgendwann vor eins, zwei Jahrhunderten als fahrende Händler durch Europa und hatten Vorläufer der heutigen Krawatten als Teil ihrer als Herkunftstracht angesehenen üblichen Kleidung. Es handelte sich eigentlich um Halstücher, die vorne am Hals geknotet getragen wurden. Sie waren ganz praktisch, denn so als fahrender Händler ist man viel draußen und unterschiedlichen Witterungen ausgesetzt. Da konnte so ein Halstuch auch mal als Mundschutz vor staubigen Landstraßen dienen, als Schweißtuch für die Stirn, als Regen- oder Windschutz für die Haare, Sonnenschutz für Hals und Nacken, und als Augenschutz für ein kurzes Nickerchen z.B. auf dem Führerstand der Kutsche oder auf der Pritsche hinten bei den Waren.
Diese Tücher fanden nicht nur bei fahrenden Händlern, die durch ganz Europa zogen, Verwendung, auch bei anderen Bevölkerungsgruppen, z.B. auch bei Bauernknechten o.ä. Aber sehr verbreitet waren sie eben bei den fahrenden Händlern, allerdings auch bei solchen, die von woanders herkamen. Überwiegend aber bei denen, die aus dem Balkan kamen. Dennoch: es waren längst nicht nur die Kroaten, die diese Halstücher bekannt machten, es waren andere Gruppen aus dem Balkan. Die Menschen in Deutschland und Frankreich aber bezeichneten sie mit dem Sammelbegriff "Kroaten", zumindest in Bezug auf diese Halstücher. So entstand aus "à la croate" für diese Halstücher, und was sich daraus entwickelte: "Krawatten". Also hier: siehe Selbstbezeichnung, siehe Fremdbezeichnung, erkenne: Unterschiede!
Es ist unglaublich, wie Wörter entstehen. Wir hier in Europa haben ja überwiegend die gleichen sprachlichen Wurzeln, so dass vieles miteinander eng oder weniger erkennbar eng zusammenhängt. Aber auch gerade das Deutsche ist sehr produktiv, was Begriffe angeht.
Wir alle kennen es, die Beugung von Buchstaben, insbesondere von Vokalen. In Deutsch beugen wir vieles, z.B.:
gehen - ging - gegangen.
So gibt es dann Wörter, die mit bestehenden Ausdrücken zusammenhängen, aber davon abgeleitet wurde. Sehr oft auch gebildet aus einer Vergangenheitsform: z.B. der Gang. Einmal Gang, um das Laufen zu Beschreiben. Einmal, um einen Vorgang zu beschreiben: Der Gang zum Amt. Einmal, um einen Teil eines Hauses zu beschreiben: der Gang. Aber auch eine Mahlzeit (der Buttler kam aus der Küche und ging wieder in die Küche: ein Gang). Oder eine Sitzung, dann halt Stuhlgang.
Wenn man nach diesem Schema mal so alltägliche Worte sich anschaut, stößt man auf absolut viele solcher Wortbildungen. Oft reicht es nicht aus, aus der Jetztform eines Tätigkeitsworts ein Hauptwort zu bilden, oft gibt es viele Aspekte, die mit diesem Tätigkeitswort verknüpft sind, so entstehen zum Teil etliche Ableitungen aus dem selben Tätigkeitswort (Verb), zum Beispiel Das Gehen, der Gang, aber auch weitergehende Wortschöpfungen, auch auf Verbbasis, wie "gängeln", oder das Gängeln bis hin zum Quengeln. Und ja, die Vergangenheitsformen halten auch oft her, weil es oft auch mit einer bereits abgeschlossenen Handlung zu tun hat, als dieses Wort entstand, z.B. der Gang. Inzwischen kann ein Gang zur Toilette auch in der Zukunft liegen, weil die darin liegende Vergangenheitsform sich als neues Wort mit einer eigenen Bedeutung verselbständigt hat.
Drum blicke ich kurz vorm Abendbrot noch mehr zurück in die Geschichte. Hier fließen z.T. meine eigenen Rückschlüsse ein, nur mal als Vorwarnung, werd ich aber zwischendurch auch immer mal wieder kurz durchblicken lassen:
- Geschichte (kein vollständiger, umfassender Blick zurück)
Hier werfe ich nochmals eine kleine Einleitung voraus. Bügel können aus Eisen bestehen, Eisendraht vor allem. Bügel hängt man an die Garderobe oder im Schrank an die Kleiderstange. Die meisten Bügel sind belegt, weil man Kleidungsstücke an ihnen aufbewahrt. Hat man noch Platz, aber Bügel auf Vorrat, hängen dann solche Eisendrahtbügel auch gerne mal alleine an der Kleiderstange. Obwohl aber diese Bügel aus Eisen sind, ist das Bügeleisen kein Eisen für Bügel. Und man hängt auch nicht das Bügeleisen mal so an die Kleiderstange. Das zeigt: die Bedeutung des Teilworts Bügel in Bügeleisen hat seinen Bedeutungsschwerpunkt verändert.
(Das ist übrigens genauso wie das Cross in Crossdresser, naja, anders, aber jedenfalls ebenso spezieller gemeint, als zu erwarten sein könnte.)
Und jetzt die Historie: Eisenzeit! Vielleicht betrifft es auch schon die Bronzezeit oder Kupferzeit. Jedenfalls die Nutzung von Metallen durch unsere Vorfahren. Das Feuer wurde wohl schon seit mindestens 300.000 Jahre von unseren Vorfahren genutzt. Die Verwendung von Feuer, um was mit Metall anzufangen, kam erst viel später. Jedenfalls diente das Wissen, mit Metall umzugehen, unseren Vorfahren zuerst, um Schmuckstücke damit anzufertigen. Dann Hilfsmittel wie Messer oder Waffen zur Jagd oder Waffen zum Wehtun, um andere Menschen abzuwehren oder abzuschrecken, die einem nicht Gutes wollten. Oder um selber nichts Gutes anderen anzutun.
Allmählich dämmerste unseren Vorfahren, dass man damit noch eine Reihe anderer nützlicher Sachen machen kann. Statt ein Schwert aus einem Block zu klopfen, konnte man z.B. auch Stangen machen. Und die konnte man in den Boden rammen (Tierhäute dran festmachen, das hatte man aber mit Hölzern ja ohnehin schon gemacht = Zelte). Oder aber auch über einem Feuer anordnen, um darauf Fleisch oder eingeweichtes Körnermehl zu braten oder zu backen. Man musste das nicht mehr aktiv selbst auf Holzstangen ins Feuer halten. Man konnte es einfach über das Feuer ablegen und warten, bis es ausreichend durch Wärme zubereitet war.
Wenn man mehrere Stangen richtig übers Feuer anordnete, dann hatte man diesen Vorteil:
Ein Gerüst aus Stangen, diese Stangen richtig ausgerichtet, ergab einen Rost.
Da Germanisch mit Latein und Griechisch urverwandt ist, erkennen wir mit etwas Analyse die Zusammenhänge:
gr. ortho = richtig, recht, aufrecht = meiner Meinung nach eine Abkürzung von "orecto", wobei recto ebenso richtig, rechtwinklig, aufgerichtet meint (vergleiche "rectangles"), darin steckt "ecto" im Ursinne von "Sein", gemacht, geschaffen, entstanden, findet sich auch wieder in gr. tecton "Handwerk", z.B. auch in Architekt. Oder in "erekto" im Sinne von aufgerichtet.
lat. recto = im selben Sinne wie das griechische
Etwas aufrichten, also das richten darin, geht auf recto, rekto zurück.
Ein Gerüst wird mit Stangen errichtet. Ein Rost wird mit kleinen Stangen, am besten rechtwicklig errichtet. Rost ist eine Ableitung von richten, ausrichten. Sind die Stangen richtig ausgerichtet, entsteht ein Rost.
Wird da was draufgelegt, wird es geröstet.
Zuerst hat man in der Eisenzeit oder früher bestimmt das Fleisch oder den klebrigen Teigkloß erstmal einfach so auf diese Stangen gelegt. Später hatte man noch Schüsseln oder Pfannen, in die man sowas reintun konnte, z.B. auch Wasser. Und dann brodelte da das Wasser mit Kräutern oder Fleischstücken. Wort Brodeln kann auch vom Wort Rost herkommen, zum Beispiel über "Berodeln", oder "berösten" mit Verwendung einer nicht nur deutschen Vorsilbe "be-".
Alles, was überm Feuer anfing zu knistern, zu zischen, zu knacken, zu pluppern: brodelte. In Italienisch heisst heute noch Suppe: brodo.
Und warf man das Fleisch nicht in die Schüssel, sondern in die Pfanne, dann brodelte das Fleisch und wurde fortan "braten" genannt, ja das Fleisch selber war dann der Braten. Oder das Fleisch fürs Braten bestimmt, aber noch nicht gebraten war dass irgnedwan später auch schon der Braten (roher Braten). Aber, dass der Zusammenhang mit dem Rost besteht, wird heute niemandem mehr bewusst.
Und das Brot genauso. Da Brot wird "beröstet". Daraus entwickelte sich das Wort Brot, das sich in verwandten Wörten in den ganzen nordischen (germanischen) Sprachen wiederfindet.
Die romanischen Sprachen haben da einen anderen Wortstamm dafür in Gebrauch.
Interessant ist die Verbindung zu griechisch Pitta, was ja ein Fladenbrot ist.
Ich erwähne nicht zum ersten Mal im Forum die Komplexität dieses Begriffes. Ich werfe jetzt mal mit Wortverwandschaften um mich, die die unterschiedlichsten Bedeutungsschwerpunkt haben, aber alle doch eine ursprüngliche Bedeutung verbindet:
Pitta, Pizza, flach, Platte, Pflaster, Pfad (?), Petrus, Pietro, Fladen.
zu ersten Erklärung: L geht oft in ein I (klein: i) über, oder umgekehrt.
zur zweiten Erklärung: In Afrika, vielleicht auch Südeuropa, hat man früher kein Feuer gebraucht, um Brot herzustellen.
Es reichte ein flacher Stein in stundenlanger Sonne, um darauf den Brotteig flachzuklopfen und darauf zu backen.
Darum haben flache Brote in Fladenform oft etwas mit der Bezeichnung für Stein (pietro) zu tun.
Im Gegensatz zu den nordischen Ländern. Da war Brot erst durch die Positionierung über dem Feuer denkbar. Daher war das Gerüst aus gerichteten Stangen bei der Benennung dieses Produktes beteiligt.
Nebenbei: Dass Rost Rost heisst, hat damit zu tun, dass Eisen, viel über Feuer, anfängt zu rosten. Und die braune Rostfarbe ist übrigens nahe an der Farbe rot. Entweder heisst Rost Rost, wegen den ausgerichteten Stangen. Oder denke die gleiche Herleitung noch einmal durch, weil die Farbe Rot daran beteiligt war.
Beides ist denkbar.
- Fazit:
Es ist faszinierend über die Vielfalt unserer Wörter nachzudenken. Wenn wir das in Verbindung mit dem Begriff Crossdresser nun wieder tun, ist das in Bezug auf Vielfalt unserer Sprache wunderschön. Aber nicht notwendig. Es gibt solche und solche Bildungen. Wir müssen keine Theorie erstellen, wie wir nun mit dem Gebrauch des Wortes Crossdresser unter uns umgehen. Wichtig ist, dass wir wissen, was wir damit meinen. Und Unbedarften können wir das auch auch gerne und immer wieder eigentlich genau genommen recht kurz und eindeutig erklären.
Was müssen wir uns die Zähne daran ausbeißen, wenn unsere Brüder und Schwestern von unserer "Ich-weiche-vom-Normalverhalten-ab"-Community dafür bereits einen klar zu erkennenden Bedeutungsschwerpunkt im Begriff "Crossdresser" gefunden haben?