Ich glaube nicht, dass uns Diskussionen um Verständnis und Vergleich von Islam und Christentum hier weiterbringen bezüglich unserer Erfahrungen als Rock oder Kleid tragende Männer in heutigen Kirchen in Deutschland.
Um mal aufs erfahrungsbasierte Thema zurückzukommen:
Ich hatte mich mit ner guten Freundin mal in Hamburg getroffen.
Nach dem Frühstück wollten wir nch ne Kerze im Michel anzünden, kamen aber kurz vorm Gottesdienst dort an.
Uns wurde aber für unser Vorhaben noch Einlass gewährt.
Ich trug Absatzstiefel, 20 DEN Strümpfe und einen Knielangen Rock.
Mein Outfits wurde nicht groß beachtet.
Obwohl ich mich wegen des Klackern der Stiefel etwas Unwohl fühlte.
Das ist auch meine weitgehende Erfahrung, sowohl in deutschen Kirchen als auch in anderen Ländern, die ich im Kleid besucht habe (Italien, Niederlande, Belgien, Schweiz, Polen, ...). Unabhängig von der Konfession. Und sowohl als Tourist für einen kurzen Kirchenbesuch als auch als Gottesdienstbesucher oder selbst in aktiver Rolle wie in meiner Kirchengemeinde beim Vorlesen von Bibeltexten, Kommunionausteilen, Predigen.
Im Allgemeinen findet mein Outfit dort keine explizite Beachtung (von seltenen Ausnahmen abgesehen), auch wenn es sicherlich manchen auffällt und nicht allen gefällt. Manche erwähnen es positiv oder fragen interessiert nach. Andere tolerieren es. Die Verantwortlichen akzeptieren es.
Wie schon geschrieben achte ich allerdings schon darauf, dass meine Outfits in Kirchen nicht allzu freizügig sind. Ich stelle mir da die Frage, ob eine Frau mit meinem Outfit negativ auffallen würde; falls nicht, dann nehme ich für mich in Anspruch, das auch als Mann tragen zu dürfen. Und da ich es wohl schaffe, mit meinem Auftreten rüberzubringen, dass meine Kleider für mich etwas Normales und Alltägliches sind und nichts, womit ich bewusst Aufsehen oder Ärgernis erregen möchte, kommt das bei den meisten Leuten vermutlich auch so an und sie akzeptieren es.
Zu Stiefeln oder allgemein Schuhen mit hohen, klackernden Absätzen: Ja, das ist auf den meist glatten harten Kirchenböden mit dem Raumklang besonders deutlich zu hören. Ein bisschen irritiert mich das selber auch noch, wenn ich mit klackernden Schritten durch die Kirche gehe; aber auch da hilft es, das einfach selbstbewusst zu tun, nicht mit dem Gefühl, das könnte jetzt andere stören oder irritieren, sondern mit dem Bewusstsein, dass das völlig normal ist und mit dazugehört. (Abgesehen davon trage ich auch nicht immer solche Schuhe, aber oft um gerade die Festlichkeit eines Anlasses zu betonen.) Wenn es dazu Kommentare gibt, dann meist von kleinwüchsigen Frauen, die mit mir befreundet sind und die zu mir als 1,90m-Mann, der durch die hohen Absätze noch größer wird, aufschauen müssen. Das sind dann aber eher spaßhaft gemeinte Kommentare, z.B. verbunden damit, wenn wir uns zur Begrüßung umarmen und die kleinere Frau die Gelegenheit nutzt, wo sie oben auf einer Stufe steht und ich unten, so dass der Größenunterschied etwas ausgeglichener ist.
Im Großen und Ganzen denke ich: Kirchen und Kirchengemeinden sind zwar Orte, wo der Anteil konservativ denkender Menschen, die skeptisch gegenüber Abweichungen von traditionellen Normen sind, vielleicht etwas größer ist. Es sind aber auch Orte, die den Anspruch haben, Nächstenliebe und Toleranz zu leben (auch wenn sie diesem Anspruch nicht immer gerecht werden). Und so glaube ich, dass es insgesamt nicht schwerer ist, in Kirchen als Mann im Rock oder Kleid akzeptiert zu werden als anderswo.